Kultur : Foto-Ausstellung: Menschensammler

Ruth Ciesinger

Das dauert, vom französischen Villeneuve sur lot nach Berlin. 17 Stunden Liegewagen-Luft kratzen an Lutz Dilles Stimme. Er hustet, räuspert sich, und als er lacht, rumpelt der ganze Mensch wie ein fröhlicher Bär, die Falten hüpfen über sein zerknautschtes Gesicht. Gerade ist die Fotografin gekommen, um ein Bild von dem 79-Jährigen zu machen. Und der gibt kichernd zu, dass gerade er sich ungern fotografieren lässt. Wenn ihm auf der Straße eine Kamera zu nahe kommt, ergreift er die Flucht: "Mich kann doch kein Wildfremder einfach mit nach Hause nehmen." Denn gute Fotos zeigen mehr als das Äußere. Sie geben etwas von dem Menschen preis, ob er traurig ist, sich freut, ob er nett ist oder doch ganz schrecklich unsympathisch.

Lutz Dille weiß das wie kaum ein anderer. Jahrelang ist er mit seiner Kamera gereist und hat Menschen gesammelt. Seine Straßenfotografie ist in Kanada oder Frankreich, wo er jetzt lebt, berühmt. Sogar im New Yorker Museum of Modern Art hängen Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Lutz Dille. Jetzt hat der in Leipzig geborene Fotograf seine erste Ausstellung in Deutschland. In einer Berliner Galerie sind Reiseaufnahmen aus New York, Mexiko, Paris und London zu sehen, entstanden in den fünfziger und sechziger Jahren - die wichtigste Zeit für Dilles Werk. Dass er in Deutschland kaum bekannt ist, darüber hat er nie nachgedacht. Für ihn zählt die Fotografie. Er will "die Wahrheit finden", Menschen in dem Moment festhalten, in dem sie ganz bei sich sind - und ihre Geschichte erzählen.

Wie die junge Frau vor einer Music-Hall im London der fünfziger Jahre. Es ist ein trüber Tag, sie umhüllt ein dunkler Mantel aus schwerem Stoff. Aber an ihren Händen leuchten feine, weiße Handschuhe, sie ist zum Gesellschaftstanz verabredet. Doch ihr Blick ist gequält, sie wartet zu lang, man hat sie versetzt. Hinter ihr huscht verschämt ein Mann vorbei - der Freund, der nicht entdeckt werden will?

Es ist Lutz Dilles Lieblingsbild. Noch einmal verschmilzt er mit der Londoner Innenstadt. Auf dem Bürgersteig, eine unsichtbare Leica in der Hand, blickt er einer englischen Taube nach. Als der Mann mit dem Spazierstock sich nähert, reißt er, zack, die Kamera hoch, drückt ab, klick, und sinkt dann zufrieden auf seinen Stuhl zurück. Die weißen Haare stehen begeistert in alle Richtungen, die Hände klopfen, jetzt ohne Kamera, voller Energie auf dem Tisch herum. Dille hat in Großbritannien gelebt, wo er Standesdünkel und auch unüberwindbare Grenzen zwischen Abeiterklasse und Oberschicht kennen gelernt hat. Die junge Frau verströmt die Traurigkeit, die allen seinen Londoner Aufnahmen eigen ist. Der zeremonielle Tanznachmittag ist für Dille der Inbegriff von Enge und Zwang - das Gegenteil seines eignen Lebens.

Nach dem Krieg studierte er in Hamburg Fotografie. Doch schon 1951 war ihm Deutschland zu eng, er tuckerte mit einem Leichtmotorrad nach Paris und fotografierte dort seine erste Serie von trinkenden Clochards und schönen Französinnen. Zwei Jahre später wanderte er nach Kanada aus. Das war nicht so weit wie Australien und nah an den USA. "Man kann doch nicht nur in einem Land leben", sagt Dille, der später noch sechs Jahre an einem Kunst-College in Wales unterrichtet hat. "Wäre ich in Leipzig geblieben, ich wäre doch längst schon tot."

In Toronto allerdings lagerte der Fotograf seine Leica bei einem Freund ein, und verdiente sein Geld zunächst mit dem Waschen von Weißwand-Reifen. 1956, Dille war 34 Jahre alt, kam es, wie er strahlend versichert, zu "seiner Rettung". Ein betrunkener Viehhändler aus Alberta rauschte mit seinem Truck in Dilles Volkswagen hinein. Sein linkes Bein war fast zerquetscht, er musste über zwei Monate im Krankenhaus bleiben. Heraus kam er mit einer Abfindung, die für einen Landrover und neue Foto-Reisen genügte. Dille schlief nicht nur im Wagen, nachts entwickelte er dort auch in einer kistengroßen Dunkelkammer seine Fotos.

Das war die einzige Art, wie er Menschen fotografierte - auf Reisen, erzählt Dille. Er kam irgendwo an, stand früh auf und ließ sich treiben. "Ich ging verloren", sagt der Fotograf, "I got lost". Wenn er sich verlaufen hatte, war sein Blick frei für Motive. Wie für die drei schwarzen Frauen in New York. Es sind wohl Großmutter, Mutter und Enkelin, die erschlagen von der Hitze im Schatten sitzen. Alle drei blicken sie müde ins Leere. In den Armen des kleinen Mädchens liegt leuchtend und knackig eine weiße Plastikpuppe. Andere Bilder zeigen einen schwarzen Arbeiter bei der Mittagspause, ein paar alte Männer in abgerissenen Hemden und drei feiste Börsenmakler, die genervt herüberblicken. "Ich habe solche Armut gesehen in den USA", sagt Dille, "und solch peinlichen Reichtum. Die Leute wissen doch gar nicht wohin mit ihrem Geld."

Er hat es nie darauf angesetzt, mit seiner Kunst viel zu verdienen. Eher zufällig entdeckte Ende der fünfziger Jahre ein befreundeter Journalist der Canadian Broadcast Company Dilles Pariser Fotoserie, und beschloss, daraus müsse ein animierter Film gemacht werden. Von da an konnte Dille auch fürs Fernsehen drehen, er stellte seine Fotos aus und bekam 1967 den renommierten Yousuf Karsh Award für sein fotografisches Werk. Dabei scheint ihm alles mehr oder weniger passiert zu sein, ohne dass er sich selbst ein Ziel gesetzt hätte. "Sehen Sie mich an", sagt er: "Ich bin doch völlig unorganisiert." Seine zweite Frau Mary, mit der er 1980 nach Wales zog und deren gemeinsamer Sohn jetzt in Großbritannien Kunst studiert, kümmert sich um solche Dinge.

Bei der Vernissage in Berlin haben Damen aus Leipzig Lutz Dille vorgeschlagen, in seiner Geburtsstadt auszustellen. "Warum nicht", sagt er, aber es drängt ihn auch nicht: "Ich laufe meinem Glück nicht hinterher, das Glück läuft hinter mir". Da wundert es nicht, dass ein einzelnes Foto Dille jetzt nach Deutschland geholt hat. Ein deutscher Journalist entdeckte die Aufnahme in einem Bildband, war begeistet und recherchierte nach dem Fotografen. Es ist ein kleines Meisterwerk des ironischen Blicks, den Dille perfektioniert hat. Ein paar kleine Jungs drücken sich die Nase platt an einem Glaskasten mit Pin-up-Mädchen. Der Betrachter rückt näher, studiert eingehend runde Pobacken und Brüste. Dann tritt er einen Schritt zurück, sieht die Jungs beim Gaffen, und fühlt sich furchtbar peinlich ertappt.

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