Kultur : Foto-Ausstellung: Paris, wie wir es lieben

Anna Kemper

Kraftstrotzend steht er da, breitbeinig, im knappen Ringertrikot, umringt von Gewichten und skeptisch beäugt: "Hercule", und doch nur ein kleiner Straßenkünstler im Paris des letzten Jahrhunderts. Das Bild gehört heute der berühmten Fotothek Roger-Viollet. Aus ihrer Sammlung, die sowohl Werke berühmter Fotografen wie Lipintzki, Branger und Albin-Guillot als auch unbekannte Namen umfasst, präsentieren Institut Francais Martin-Gopius-Bau in einer Gemeinschaftsausstellung einen breiten Überblick auf die Entwicklung der französischen Metropole.

Am Anfang ragen nur ein paar Eisenstäbe in den Himmel, und erst Bild für Bild wird erkennbar, was heute aus Paris nicht mehr wegzudenken ist: Der Eiffelturm. Als sein Bau beendet ist, reckt Gustave Eiffel hoch oben über den Dächern der Stadt seine stolzgeschwellte Brust in die Kamera. Architektur, Mode, Industrie: "Ein Jahrhundert im Spiegel der Fotografie" will die Ausstellung zeigen, dem Anspruch eines vertiefenden Blicks wird sie allerdings nicht gerecht. Vielleicht hätte sie sich auf ihre eigentliche Stärke besinnen sollen, die Porträts der Menschen im Alltag: Ein Kanalarbeiter, der mit gezwirbeltem Schnurrbart aus einem Gully klettert; ein Blumenverkäufer und Dichter, der dem Strauß für die Liebste gleich die passenden Zeilen mitliefert; Frauen mit pelzbesetzten Roben und extravaganten Federhütchen in Cafes - sie alle erzählen von einem Paris, das in unseren Vorstellungen fest verankert ist. Diese Bilder faszinieren mehr als jedes Prominenten-Porträt: So zeigt die vielleicht schönste Momentaufnahme einen Schlachter, der in befleckter Schürze und verschwitztem Hemd einen tiefen Schluck aus der Weinflasche nimmt, zu seinen Füßen die Blutlache, die noch von seiner grausamen Arbeit zeugt - was ist dagegen schon ein entrückt blickender Jean Cocteau im Kreise seiner intellektuellen Freunde?

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