Foto-Ausstellungen : Ein Zufallstreffen, kein geplantes Doppel

Im Medium tickt die Zeit. Alles ist Geschichte, doch die Bilder bleiben: Die Fotografen Hannes Kilian und Liselotte Grschebina in Ausstellungen im Berliner Martin-Gropius-Bau

Jens Hinrichsen
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Feierabend. Duisburg 1963.Foto: Hannes Kilian

Die Kamera macht, was sie will. Auch ohne menschliches Zutun können Bilder entstehen, sogar verblüffend schöne. Wer jedoch die Zufallsmaschine zu zähmen weiß, darf zu den Meistern des Fachs zählen. Im Gropius-Bau trifft man sie (fast) alle: Eugène Adget, Man Ray, Richard Avedon, Robert Lebeck und Cindy Sherman, um nur ein paar große Namen jüngerer Retrospektiven zu nennen. Und jetzt: Liselotte Grschebina und Hannes Kilian. Ein Zufallstreffen, kein von langer Hand geplantes Doppel.

Es gibt Gemeinsamkeiten. Beide gehören derselben Generation an und wurden geprägt vom Neuen Sehen der Zwanziger, das die Fotografie erstmals als eigenständige Kunstform etablierte. Eine Parallele: Für beide ist es die jeweils erste Einzelausstellung.

Biographisch trennen sich die Pfade. Während Hannes Kilian (1909–99), dessen Mammutwerk die umfassendere, spektakulärere Ausstellung gewidmet ist, als Kriegsberichterstatter zeitweilig zum kleinen Rädchen im NS-System wurde, kehrte Liselotte Grschebina (1909–94) Deutschland im Jahr 1934 für immer den Rücken. Die in Karlsruhe geborene Jüdin studierte in Stuttgart Werbefotografie, emigrierte nach Palästina und setzte dort ihre fotografische Arbeit fort. Ab 1947 war sie als offizielle Fotografin der Zionistischen Frauenorganisation WIZO tätig.

Zufällig fand Grschebinas Sohn das Konvolut von 18.000 Fotos in einem Wandschrank. Sonst wären ihre unaufgeregte, formbewusste Kunst vergessen geblieben. Aus der Sammlung, die heute im Jerusalemer Israel Museum aufbewahrt wird, wurden 100 Bilder für die Ausstellung ausgewählt. Die brauntonigen Kleinformate wirken ein wenig verloren an den großen Wänden im Obergeschoss des Gropius-Baus. Eine Tür – sie unterbricht die weitgehend chronologische Reihung der Bilder – markiert allerdings sinnfällig den Bruch der Emigration.

Ihrem sachlichen, bis zur Abstraktion gehenden Stil blieb die Fotografin in der neuen Heimat treu. Die vom Bauhaus beeinflusste Architektur Tel Avivs bildete sie in den vierziger Jahren mit viel Gespür für Hell-Dunkel-Kontraste und dynamische Diagonalen ab. Unter den lebendigen Porträts nehmen Grschebinas anrührende Kinderbildnisse eine Sonderrolle ein. Ihr Atelier hieß „Ishon“, was auf Hebräisch zugleich „Augapfel“ und „kleiner Mensch“ heißt.

Dass sich mit Grschebinas Tanz- und Sportfotos weitere Verbindungslinien zu Hannes Kilian ziehen lassen, sollte nicht überbewertet werden. Schließlich hat der große Fotojournalist – der auch als Architektur-, Landschafts- und Theaterfotograf brillierte – rundweg alles ins Bild gesetzt. In der Retrospektive zum 100. Geburtstag Kilians wird aber auch der gestalterische Ehrgeiz des in Ludwigshafen geborenen und in der Schweiz ausgebildeten Fotografen deutlich. Jedes der gut 320 zum überwiegenden Teil schwarzweißen Bilder besitzt eine unverwechselbare Aura.

Im Medium tickt die Zeit. Das wird in dem von Klaus Honnef thematisch klug gegliederten Kilian-Bilderbogen noch einmal besonders klar. Das 1944 von Bomben zerstörte Stuttgart knipste Kilian heimlich. Hitler fuhr nur im Schlafwagen durch die kaputten Städte, so kam Trümmerfotografie Hochverrat gleich. Nach dem Krieg registriert Kilian sowohl die Skepsis in den Warteschlangen der Währungsreform wie den protzigen Optimismus der aufgehenden Wirtschaftsblüte. Nicht nur Ludwig Erhard pafft zufrieden seine Zigarren.

Verhaltene Kapitalismuskritik kommt am Rande vor: Da wirkt ein an der Fußgängerampel wartender Schwabe wie verloren im Automeer („Der letzte Fußgänger“, 1960). Von besonderem dokumentarischen Rang sind die Aufnahmen aus „Trizonesien“, aus Ost- und West-Berlin. Zahllose Bilder entstehen ab 1945 bis in die Jahre nach dem Mauerbau. Blickt Kilian von West nach Ost, liegt häufig das unscharfe Liniengewirr von Stacheldraht wie ein Grauschleier über den Landsleuten „drüben“.

Die Kunst des Tanzes hat Hannes Kilian zu vielen seiner bedeutenden Bilder inspiriert. Er hatte das seltene Talent, Bewegungsphasen fotografisch sichtbar zu machen – während Liselotte Grschebina Bewegungen im Kulminationsmoment einfror. Seine Tanzfotos, die so viel vom Ausdrucksspektrum des Stuttgarter Balletts unter John Cranko bannten, sind legendär. Und bei Auslandsgastspielen konnte die Straße zur Bühne werden. So streckt sich die Ballerina Birgit Keil auf einem Bild vor den New Yorker Zwillingstürmen, die sich zur Aufnahmezeit 1971 noch im Bau befinden. Alles Geschichte. Die Bilder bleiben.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchner Str. 7, bis 28. Juni (Kilian) beziehungsweise 29. Juni (Grschebina).

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