Kultur : Foto-Reporter Salgado im Interview: Sie wissen nicht, warum sie flüchten

Herr Salgado[Fotoreporter wie Sie gelten als Aben]

Sebastião Salgado, 56, gilt als einer der besten Foto-Reporter der Welt. Sechs Jahre lang reiste der Brasilianer durch 40 Länder, um Flüchtlingsströme und urbanes Chaos zu dokumentieren.

Herr Salgado, Fotoreporter wie Sie gelten als Abenteurer. Was tragen Sie auf Reisen bei sich?

Nicht viel. Drei Kameras, drei Linsen, Schwarzweißfilme, ein paar Hemden. Ich habe weder Blitz noch Stativ.

Keine Visa-Card?

Na gut. Eine Visa-Card für die großen Städte.

Sie haben gesagt, Ihre Kamera sei für die Menschen in der Dritten Welt ein Mikrofon?

Meine Kamera spendet diesen Menschen ein bisschen Trost. Sie wollen durch meine Linse sprechen. Sie wollen sagen, was in ihren Ländern passiert. Ich erinnere mich an eine Gruppe Hutu-Flüchtlinge im Kongo. Sie wanderten durch Tutsi-Gebiet und schwebten in großer Gefahr. Durch meine Kamera konnten sie der Welt etwas von ihrer Angst erzählen.

Welche Geschichten hören Sie noch?

Im Grunde immer die gleiche. Es gibt kaum Unterschiede zwischen Flüchtlingen in Afrika, Asien oder Lateinamerika. Die meisten Menschen verlassen ihre Heimat ohne zu wissen, was sie erwartet. Viele haben nicht einmal die geringste Vorstellung, warum sie flüchten. Wenn du einen Bauern in Brasilien fragst, warum er in die Stadt geht, antwortet er: "Mein Hof und mein Land können mich nicht mehr ernähren." Dass dahinter die neo-liberale Wirtschaftsordnung steckt, versteht er nicht.

Die Menschen auf Ihren Bildern sehen oft auch sehr zuversichtlich aus.

Was die Flüchtlinge auf der ganzen Welt eint, ist ihre Hoffnung. Ich habe 14-jährige Jungs an der Grenze zwischen Guatemala und Mexiko fotografiert, die in die USA wollen. Sie springen auf Güterzüge auf, schwimmen durch Flüsse, lassen sich einsperren. Aber sie können nicht zurück zu ihren Familien, die zu arm sind. Sie würden deren ganze Existenz gefährden. In Litauen habe ich ein Abschiebegefängnis besucht. Da saßen 400 Männer aus Afghanistan, Pakistan, China und dem Irak. Alle wollten nach Deutschland. Aus ihren Gesichtern sprach die gleiche Zuversicht wie aus denen der guatemaltekischen Jungs.

Sind Sie nach so langer Zeit mit Flüchtlingen selbst zum Flüchtling geworden? Sagen wir es so: Meine Geschichte ist die eines Migranten. Ich wurde auf einer Farm im Dschungel Brasiliens geboren. Zur Schule ging ich ins nächste Dorf, dann in die Stadt. In São Paulo habe ich Ökonomie studiert. Als die Militärdiktatur kam, war ich in Brasilien nicht mehr erwünscht. Seit 32 Jahren lebe ich mit meiner Frau in Paris, aber neun Monate im Jahr reise ich um den Globus. Manchmal wache ich morgens auf und weiß nicht, wo ich bin. Trotzdem bleibe ich der Sohn eines Bauern. Jeder Mensch hat diesen Referenzpunkt: wo er geboren wurde, wo die Eltern lebten. In meinem Dorf in Brasilien will ich alt werden und sterben.

Die New York Times macht Ihnen den Vorwurf, Ihre Bilder seien zu schön und pittoresk, um dem Elend gerecht zu werden. Das ist ein für Kritiker typischer Zynismus. Meine Fotos sind wahrscheinlich etwas barocker und üppiger. Als Lateinamerikaner organisiere ich den Raum anders als die postmodernen Fotografen im Westen. Mir ist das Licht meiner Kindheit stets in Erinnerung geblieben, das visuelle Universum meiner Heimat. Aber die Schönheit in meinen Bildern kommt von den Menschen, die ich treffe. Sie sind es, die mir die Bilder schenken. Sie strahlen den Glauben an eine bessere Zukunft aus.

Gibt es Eindrücke, die Sie nicht loslassen?

Unendlich viele. Ich glaube, am schlimmsten war Ruanda. Was ich dort gesehen habe, übersteigt jede Vorstellungskraft. In den Flüchtlingscamps starben damals jeden Tag zwischen 10 000 und 12 000 Menschen an Durchfall oder Cholera. Sie fielen einfach tot um. Die Bulldozer arbeiteten Tag und Nacht, um die Leichen in Massengräber zu schaufeln. Wenn man so etwas gesehen hat, ist man nicht mehr besonders stolz darauf, ein Mensch zu sein.

Was treibt Sie an, immer wieder das Elend zu suchen? Faszination? Nein, das ist mein Job, zu erzählen, was passiert. Wir erleben Wanderungsbewegungen von historischem Ausmaß. Die Masse der Menschen, die auf der ganzen Welt in Bewegung geraten ist, erschreckt mich. In den achtziger Jahren habe ich die Hungersnot in Äthiopien fotografiert. Damals gab es Flüchtlingscamps für 25 000 Menschen. Das war riesig, unvorstellbar. Heute sind in einem normalen Lager 300 000 Menschen untergebracht. Ich habe welche gesehen, in denen 1,5 Millionen Menschen leben. Aber ich bin nicht der Fotograf des Elends.

Die Medien sind voller Bilder von Krieg und Not. Was können Ihre Fotos bewirken?

Ich will zeigen, was zur Zeit geschieht. Die Menschen sollen sich fragen, ob sie in so einer Welt leben wollen. Man ist geschockt von der Gewalt in New York. Solche Gewalt ereignet sich jeden Tag irgendwo auf der Welt, das kann ich ihnen versichern. Der Unterschied ist, dass keine Kameras dabei sind. Deshalb fahre ich mit meiner Kamera hin. Ich will anklagen und provozieren.

Sie hören sich an wie ein politischer Aktivist, nicht wie ein Journalist.

Ich zähle zu den wenigen Foto-Reportern, die sich wirklich mit Entwicklungsländern beschäftigen. Ich habe mit den Menschen im Süden geredet und gelebt. Ihnen geht es heute schlechter als vor 20 Jahren. 80 Prozent der Weltbevölkerung haben nichts von der Globalisierung. Der Reichtum fließt immer nur in eine Richtung, nach Norden. Auf der anderen Seite sind die Leute, die sich auf die Suche nach Arbeit machen. Diese Flüchtlinge sind die wirklich globalisierten Menschen.

Auf einem ihrer Bilder ist eine Frau zu sehen, die über eine zerstörte Brücke in Mosambik klettert. Sie trägt all ihre Habe bei sich.

Ich war überrascht, wie weit sie noch gehen wollte. Bis nach Maputo, das 1 200 Kilometer entfernt lag.

Glauben Sie, dass sie jemals dort angekommen ist?

Da habe ich nicht den geringsten Zweifel. Vor 25 Jahren war ich als junger Fotograf zum ersten Mal in Maputo. Die Stadt hatte damals 250 000 Einwohner. Heute leben dort 2,5 Millionen Menschen. Jeder kommt irgendwann dort an. Die Landflucht hat in Afrika epidemische Ausmaße angenommen. Ganze Landstriche veröden. Die Städte sind die einzige Hoffnung. Doch der Mensch kann sich an alles gewöhnen. An Armut, an Flucht und Gewalt. Im ehemaligen Jugoslawien habe ich während des Krieges eine Familie kennengelernt. Die Mutter wollte ihre Kinder nicht zur Schule gehen lassen. Sie hätten durch umkämpftes Gebiet gemusst. Sie weinte und machte sich furchtbare Vorwürfe. Zwei Wochen später - es wurde immer noch geschossen - gingen die Kinder ganz selbstverständlich zur Schule. Die Anpassungsfähigkeit der Menschen ist erstaunlich. Es geht mir ja genauso. Der erste Schuss macht mir Angst. Der zweite auch. Aber irgendwann ist der Krieg Normalität.

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