Fotoaustellung : Schönheit und Gefahr

Das Sprengel Museum Hannover ergründet mit „Photography Calling!“ den dokumentarischen Stil.

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Der Mann wandert ziellos durch eine Stadt. Er raucht, blickt zur Seite. Dann fährt er sich mit der linken Hand durchs Haar, schaut nach unten. Ein unscheinbar Verzweifelter – und über den sieben Bildern, die ihn zeigen, hängen Fotos eines in wilden Rottönen pochenden Sonnenuntergangs hinter pechschwarzem Hügel. Gewaltig, schön, bedrohlich.

Mit Farben hat der britische Fotograf Paul Graham eine lange Geschichte, vor 25 Jahren hatte er sie in die damals vom Schwarz-Weiß-Mantra dominierte künstlerische Fotografie in Europa gebracht. Nun sind zwei Bilderstrecken aus Grahams zwölfteiligem Werk „A shimmer of possibility“ im Sprengel Museum Hannover zu sehen, ebenso wie die Arbeiten von 30 weiteren Künstlern.

Mit der „Photography Calling!“ genannten Schau haben sich die Kuratoren Inka Schube und Thomas Weski nichts Geringeres vorgenommen, als „den Stand der Fotografie im dokumentarischen Stil“ darzulegen. Geprägt hat den Terminus „dokumentarischer Stil“ 1971 der US-amerikanische Fotograf Walker Evans. Er wollte damit verdeutlichen, dass er keine Dokumente in jenem Wortsinn anfertigt, in dem etwa die Polizei einen Tatort dokumentiert. „Dieser Begriff ist an sich etwas problematisch“, sagt Schube. Deshalb richten sie den Fokus lieber auf eine andere Frage: „Ändert sich mit der Zeit unsere Wahrnehmung?“

Das Objektivitätsversprechen des Begriffs „dokumentarisch“ wird in „Photography Calling!“ durch konsequente Subjektivität gebrochen. Wenn hier etwas dokumentiert wird, dann die eigenwillige Konstruktion der Realität durch die Fotografen. Viele von ihnen stammen aus den USA – etwa William Eggleston, dessen Fotos den weiten Süden des Landes durch unorthodox gewählte Bildausschnitte beengt, ja, bei längerer Betrachtung unheimlich erscheinen lassen.

Photography Calling!
Eigenwillige Konstruktionen der Realität. Die Ausstellung des Sprengel Museums Hannover widmet sich dem dokumentarischen Stil. Hier: Robert Adams' Along Interstate 25., aus The New West, 1968–1971, Silbergelatineabzug, ca. 15,2 x 14,2 cmWeitere Bilder anzeigen
1 von 12Foto: Robert Adams
14.12.2011 12:49Eigenwillige Konstruktionen der Realität. Die Ausstellung des Sprengel Museums Hannover widmet sich dem dokumentarischen Stil....

Noch mehr gilt dies für die Kleinstadtaufnahmen von Lewis Baltz. Der Mensch, auf den Fotos kaum zu sehen, macht sich die Natur untertan – etwa in seinen Bildern düsterer Häuser mitten in der Prärie. Baltz war einer der Protagonisten der für Landschaftsfotografie stilbildenden Ausstellung „New Topographics“ 1975 in Rochester. Das Ideal unberührter Natur wich damals unwideruflich dem kritischen Blick auf durch Menschenhand veränderte Landschaften.

Der Begriff „Leistungsschau“, den das Sprengel Museum für „Photography Calling!“ verwendet, mag mittlerweile eher ein Unwort im Kunstbetrieb sein – fraglos aber setzt das für seine Malerei-Sammlungen bekannte Haus damit auf einen neuen Arbeitsschwerpunkt. Dazu passt, mit welchem Engagement die Niedersächsische Sparkassenstiftung das Museum unterstützt. Die Stiftung sammelt seit 1985 Werkgruppen bekannter Fotografen und stellt dem Sprengel Museum eine Dauerleihe in Aussicht, falls der geplante Erweiterungsbau angemessen ausfällt. Die Stiftung gibt für den Erweiterungsbau selbst eine Million Euro dazu, die Gesamtkosten werden auf 28,5 Millionen geschätzt. Noch werden weitere Spender gesucht.

„Photography Calling!“ fasst beträchtliche 2000 Quadratmeter Ausstellungsfläche – ein deutliches Signal für eine möglichst üppige Erweiterung. Schön machen sich in solch großzügigem Rahmen die Werke Andreas Gurskys, der auf dem internationalen Kunstmarkt mit seinen aus vielen Einzelbildern zusammengesetzten Montagen Rekordsummen erzielt. Zuletzt verkaufte er das Großformat „Rhein II“ für 4,3 Millionen Dollar. Damit ist das Bild – Wiese, Weg, Wiese, Rhein, Weg, Himmel – die derzeit teuerste Fotografie der Welt. In Hannover ist Gurskys „Cocoon II“ zu sehen: eine Menschenmenge in einem Club auf dem Weg zur Ekstase.

Auch hier ist der subjektive Blick dominant, das wandfüllende, perfekt choreografierte Werk zeigt den Club hell erleuchtet, alle Tänzer scheinen der Explosion der Emotion entgegenzustreben. Nur aus der Nähe ist zu erkennen, dass jeder Tänzer so individuell ist wie jeder einzelne Fotograf bei „Photography Calling!“ – „dokumentarischer Stil“ hin oder her. Der große Überbegriff mag bröckeln; der durchdringenden Eleganz der Fotos schadet dies aber nicht.

– Bis 15. Januar, Di, Sa: 10–20 Uhr, Mi–Fr, So: 10–18 Uhr. Eintritt 9 €, Katalog: 29 €.

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