• Fotoband "Amerikanische Odyssee": Mary Ellen Marks Bilder zeigen Amerika, wie es wahrscheinlich wirklich ist

Kultur : Fotoband "Amerikanische Odyssee": Mary Ellen Marks Bilder zeigen Amerika, wie es wahrscheinlich wirklich ist

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Noch kann er kaum laufen, schon ist der Knirps in weißem Satinfrack Sieger eines Babyschönheitswettbewerbs. In der einen Hand der Pokal, auf dem Kopf eine überdimensionale Krone: So wird er vor die Kamera gezerrt. Aber auch richtige Schönheitsköniginnen werfen sich für Mary Ellen Mark vor die Kamera, genauso die abgehalfterte Sonnenanbeterin am Strand von Coney Island mit ihren langen Haaren, die Schwulen in New York in glitzernden Tangahöschen, Rechtsradikale oder das Ehepaar Harlan aus Kentucky. Beide schauen streng drein, abgearbeitet. Er mit Flinte, sie im geflickten Kleid, scheinen sie direkt einem Western entstiegen. Jaja, so stellt man es sich vor: Amerika. In dem Fotoband "Amerikanische Odyssee" (Verlag Zweitausendeins, 49 Mark) dürfen natürlich auch zerlumpte Kinder aus der South Bronx, Fettwanstige und rosenkranzbetende Abtreibungsgegner nicht fehlen. Aber so ist es wahrscheinlich wirklich: Amerika. Ergreifend sind Marks Fotos weniger dort, wo die Menschen vor der Kamera posieren als dort, wo in Schnappschüssen Lebensfreude überschäumt oder der armselige Alltag greifbar wird. Die Fotografin hat viele Menschen über Jahre begleitet. Und man merkt den Fotos an, dass sie ihr Gegenüber respektiert, egal ob es sich um Anhänger des Ku-Klux-Klan oder um neureiche New Yorker handelt. Ihr gestattet die vierköpfige Familie Damm Einblick in ihre kärgliche, über dem Abgrund balancierende Existenz, die über Jahre in einem zerschlissenen, zugemüllten Auto ihr Zuhause hatte. Oder die Prostitutierte Tiny, die mit Anfang Dreißig wie Mitte Fünfzig aussieht und in deren Lachen sich so viel Verzweiflung und Trotz spiegelt.

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