Kultur : "Fotofinish": Tiefe Triebe

Christoph Funke

Zuwendung, Fürsorge als Folter. Sorgsam ausgedacht und gnadenlos. Dabei bleiben die Körper lange Zeit unversehrt. Aber innen ist nichts mehr heil. Dort, in den Köpfen, in den Seelen, wenn es die denn gibt, findet der Krieg statt, die Eroberung und Zerstörung. Simone Kollmorgen, 1964 in Berlin geboren, hetzt in ihrem jetzt in Dresden uraufgeführten Stück "Fotofinish" ein altes Ehepaar aufeinander, nach 46jähriger Ehe.

Uschi, 67, fällt über ihren acht Jahre älteren Mann Alfred her, mit grausamer Wut, als Liebe getarnt. Der Alte, nur scheinbar debil, unterwirft sich den kindisch bemutternden Tollheiten der Angetrauten mit kriecherischer Feigheit. Denn seine pädophilen Neigungen, die er an Kinderpornos abzureagieren versucht, will er unter allen Umständen verbergen. Seinen Trieb hält Alfred unter Kontrolle - obwohl, es gab auch eine Tochter, die vor langer Zeit verschwunden ist. Als aber trotz rasender Bemühungen um Harmonie und Demut die Wohnstuben-Idylle zusammenbricht, wird der heiße Krieg eröffnet. Uschi schickt einen Sarg in die Wohnung, Alfred zückt die Pistole, aber auch die ist verklemmt. Ihm bleibt nur der Sprung aus dem Fenster. Alfred überlebt - aber ist nun wirklich ein Pflegefall. Die Frau darf den Alten füttern: "Ein Löffelchen für Uschi, ein Löffelchen für Alfred ..." Und eines seiner geliebten Pornobildchen zeigt sie ihm auch.

Stücke über Ehehöllen gibt es die Fülle. Simone Kollmorgen, beruflich mit Sozialforschung vertraut, baut ihren dramatischen Versuch auf der wechselseitigen, erbarmungslosen Täuschung von Mann und Frau auf. Alfred und Uschi wollen eine Wirklichkeit erzwingen, die es nicht gibt. Beide leben in einer Leere, die zugerümpelt werden muss, mit schwül wuchernder Liebe und tückischer Verstellung. Die Autorin sucht dabei Gerechtigkeit auch für das Phänomen Pädophilie; sie beschreibt diese zwiespältige Art der Kinderliebe alsunheilbaren psychischen Defekt, den besondere Lebensumstände böse verschlimmern können. Das ist gewagt, und bringt einen fatalistischen Zug in die Geschichte. Für Uschi und Alfred gibt es keine Alternativen, sie brauchen die Außenwelt nicht, um den Wahn ihrer verfluchten Zweisamkeit zu leben.

Oder lässt sich das Stück, mit seinen dicht gebauten, sprachlich präzisen, und geradezu abenteuerlich spannenden Szenen doch auch ganz anders lesen, als eine grimmige Farce über zwei alte Leute, die sich einen lustvoll bösen Zeitvertreib leisten? Bei der Uraufführung auf der Hinterbühne des Dresdner Schauspielhauses hat sich Regisseur Christoph Roos dieser Möglichkeit durchaus gestellt. Er setzt die bunt tapezierte, schiefwinklige Wohnstube des Ehepaares (Bühne Peter Scior) wie in einen Abgrund. Die Zuschauer sitzen im schwarzen Turm der Schauspielhaus-Bühne auf einer steil ansteigenden Traverse, beobachten das Geschehen "ganz unten". Aber in dieser düsteren Tiefe gibt es Verhaltensweisen, die durchaus Komik provozieren. Lothar Krompholz (Alfred) und Regina Jeske (Uschi) zeigen die irritierende Normalität einer abgebrauchten Ehe, treiben sie in die Wildheit, den Zorn, das Zerstörerische hinüber, mit ungestümer gestischer Lust. Wie Krompholz die auf dem Boden verstreuten verräterischen Fotos mit tollkühnen Verrenkungen zu verbergen sucht, wie Regina Jeske über den Angetrauten herfällt, vom Alkohol befeuert und keine Verwüstung scheuend, steuert die Groteske an. Aber dann gibt es wieder quälende Ruhe, ein Zurückfallen ins Erschöpft-Alltägliche, in die Verzweiflung. Christoph Roos hat das Gespür für die wechselnde Temperatur der Szenen, er weiß sie zu gliedern, schafft kluge "Auslagerungen" aus der Wohnstube auf kleinen Podesten, bei denen Ursula Geyer-Hopfe als Schwester von Uschi im ironischen Gehabe einer Lebedame glänzt. Der Schreck soll dem Lachen auf den Fersen bleiben, das Entsetzen sich in Nachdenklichkeit lösen.

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