Fotogalerie Kicken wird 35 : Der wahre Kubist

Drei Versionen einer Gabel: Die Fotogalerie Kicken feiert mit André Kertész ihr 35-jähriges Bestehen

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Foto: André Kertész
Foto: André Kertész

Ob es sich bei dem Foto der auf dem Sofa posierenden jungen Dame nun um „die“ Ikone des 20. Jahrhunderts handelt, wie Rudolf Kicken meint, mag dahingestellt bleiben. Wenn es jedoch zutrifft, dass der Preis das Werk adelt, dann ist diese Fotografie von André Kertész ein einsames Meisterwerk. Mit anderthalb Millionen Euro ist sie ausgezeichnet und belegt allein eine ganze Wand in der Kertész-Ausstellung bei Kicken.

Interessanter vom fotohistorischen Standpunkt ist die angrenzende Wand, auf der gleich drei Versionen der berühmten Gabel zu sehen sind, mit der sich Kertész in die Bewegung des „Neuen Sehens“ eingeschrieben hat. Das Original war 1929, ein Jahr nach der Entstehung, bei der „Film und Foto“-Ausstellung des Deutschen Werkbundes zu sehen, die die neuen Tendenzen der Fotografie als eine weltweite Richtung verankerte. Der späteste Abzug des Gabel-Motivs unterscheidet sich lediglich in einer unwichtig scheinenden Kleinigkeit, indem der schmale dunkle Randstreifen rechts oben abgeschnitten ist. Doch gerade der ist wichtig, er konstitutiert den Raum, innerhalb dessen die Gabel auf einem Tisch am Tellerrand lehnt.

Wenn der Fotografiekenner Wilfried Wiegand im Katalog der Verkaufsschau schreibt, Kertész sei „der wahre Kubist unter den Fotografen“ gewesen, denn die Beziehung der Dinge untereinander mache den Kubisten, dann lässt sich das im Vergleich der drei Abzüge nachvollziehen. Kein Wunder, dass der Originalabzug ein Mehrfaches der späten, vom Fotografen „gefällig“ gemachten Variante kostet. Wer sechsstellige Summen anlegen kann, sollte die Postkarte mit der Fotografie von Piet Mondrians Pariser Studio (1926) im Auge haben. Kertész machte seine Abzüge damals auf Postkartenpapier, weil das für ihn erschwinglich war; jetzt ist dieses Motiv, weltweit gerade noch sechs Mal nachweisbar, mit 800 000 Euro bewertet.

Während die große Kertész-Retrospektive im Gropius-Bau mit dem nach-pariserischen Werk des Fotografen bekannt macht, konzentriert sich Kicken auf die künstlerisch fruchtbarste Zeit in der französischen Metropole. Zu Recht. In den späten Zwanzigern gelangen Kertész die wunderbaren, zwischen Schnappschuss und Inszenierung die Waage haltenden Aufnahmen, die weniger das Bild der Stadt als ihrer Atmosphäre einfangen. Längst ist er ein sicherer Name für Investoren, die es mittlerweile auch im Fotografiebereich gibt, im angelsächsischen Raum zumal als Fonds.

Rudolf Kicken hatte den richtigen „Riecher“, als er sich Kertész bereits 1974 für seine Galerie reservierte. Zwei Jahre später besuchte er den Meister in New York und hielt das Ereignis mit seiner Leica M2 fest, ebenfalls in der Ausstellung zu sehen. So viel Eitelkeit darf nicht nur, die muss sogar sein, weil sie den phänomenalen Aufstieg der Fotografie als Medium der Kunst illustriert. Mit der Kertész-Ausstellung begeht Kicken das 35-jährige Bestehen seiner Galerie. Was er hier in 29 Fotos versammelt hat, ist die Essenz des Oeuvres eines der ganz Großen des Metiers. Chapeau! Bernhard Schulz

Kicken, Linienstraße 161A, bis 3. September, Mi–Sa 14–18 Uhr.

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