Fotografie als surreales Dokument : Abenteuer Alltag

Die Kunststiftung Poll präsentiert das dokumentarische Werk von Frank Schinksi.

Matthias Reichelt
Frank Schinski porträtiert eine Familie im Karneval.
Frank Schinski porträtiert eine Familie im Karneval.Galerie Poll

Eine junge Arbeiterin hält ihr Pausenbrötchen in der einen Hand, die andere ist mit dem Smartphone beschäftigt. Die Distanz zwischen ihr und den männlichen Kollegen ist nicht nur räumlich sichtbar, sondern geradezu spürbar. Wer ignoriert hier wen und warum? Oder sind es nur anfängliche Scheu und Fremdheit?

Die Fotografie gehört zu Frank Schinskis erster Einzelausstellung in der Kunststiftung Poll. Für seine Reportagen wurde der 1975 in Prenzlau Geborene mehrfach ausgezeichnet. Seine Serie „Weltgericht“ über den internationalen Strafgerichtshof in Den Haag war im Haus der Kulturen der Welt zu sehen. Als Arbeiterkind absolvierte Schinski zuerst eine Maurerlehre und arbeitete eine Zeit lang in diesem Beruf, bevor er in Hannover Fotografie studierte. Drei Jahre nach seinem Abschluss wurde er 2009 Mitglied der renommierten Fotoagentur Ostkreuz.

Deutschland macht Pause

Schinskis Biografie mag seinen Respekt vor Handwerk und Industriearbeit erklären, dennoch zeichnet die Fotografien etwas Besonderes aus. Es ist seine Neugier auf die Abenteuer und Mysterien des Alltags. Mal ist es die Symmetrie der Körperhaltung zweier Jungen im Umkleideraum einer Turnhalle, ein anderes Mal sind es Komparsinnen in Ganzkörperbemalung beim kollegialen Plausch. Die Kontexte der Fotos will Frank Schinski nicht gleich auflösen. Die Betrachter sollen sich auf die in der Fotografie vorhandenen Informationen konzentrieren und die darin angelegten Geschichten entdecken. Manche Serien entstanden im Auftrag großer Magazine zu Themen wie „Deutschland macht Pause“, „Vom Aufhören“ und „Erster Arbeitstag“, zu dem das eingangs erwähnte Bild gehört. Es wurde morgens um sechs Uhr im Pausenraum bei Porsche in Stuttgart gemacht, wahrscheinlich bis heute eine Männerdomäne. Sensibilität und das Herstellen von Vertrauen sowie eine unauffällige Präsenz sind neben der handwerklichen Präzision Voraussetzung, um Menschen teils über Tage an ihrem Arbeitsplatz zu begleiten. Frank Schinski vermag es, dem scheinbar Gewohnten das Außergewöhnliche zu entlocken, und unsere Sinne für den Ausdruck sozialer Beziehungen in Körperhaltung und in Blicken zu schärfen. Aber auch seine solitären Bilder (alle Fotos je 750 Euro) lassen immer wieder staunen. Die Rückansicht einer Familie in Tierkostümen auf einer Brücke wirkt bizarr. Eine entrückte Szene aus dem Rheinland um die Karnevalszeit.

Kunststiftung Poll, Gipsstr. 3; bis 6.8., Do-Sa 12-18 Uhr

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