Fotografie-Ausstellung : Paris um 1920: Kunst und Moderne

Rückkehr nach Charlottenburg: Die Reportagen und Porträts des Fotografen Brassaï sind derzeit in einer Doppelausstellung bei Berggruen und Scharf-Gerstenberg zu sehen.

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Typisch französisch: Henri Matisse in seinem Pariser Atelier, fotografiert von Brassa ï im Juni 1929Alle Bilder anzeigen
Foto: Staatliche Museen zu Berlin
27.05.2011 11:54Typisch französisch: Henri Matisse in seinem Pariser Atelier, fotografiert von Brassa ï im Juni 1929

„Ich habe hundert Gesichter, um mich zu verstecken, und jeder kennt eine andere Maske von mir,“ schrieb Gyula Halász, wie er mit bürgerlichem Namen hieß, 1924 an seine Eltern nach Hause ins ungarische Brasso. Da war der 25-Jährige gerade in Paris angekommen und begann ein tolles Leben. Vier Jahre lang hatte er zuvor in Berlin gewohnt, nachdem er seine Heimat nach dem Scheitern der Räterepublik verlassen musste. Hoffnungsvoll hatte er die Kunstakademie in Charlottenburg besucht. Doch mit dem Künstler Gyula Halász sollte es nichts werden. Stattdessen gewann bei dem Multitalent der Fotograf die Oberhand. Als Brassaï, wie er sich in dieser Profession nach seinem Geburtsort nannte, wurde er in Paris berühmt, einer der Großen neben Henri Cartier-Bresson und seinem Landsmann André Kertész: „das Auge von Paris“, wie ihn Henry Miller später bezeichnete.

Der junge Fotograf mit den vielen Masken erforschte mit seiner Kamera die Gesichter und Verstecke der anderen, entblößte sie doch nie. Der Durchbruch gelang ihm mit der Publikation „Paris bei Nacht“ Anfang der dreißiger Jahre mit Aufnahmen von Tänzern, Dirnen und Barbesuchern, die noch heute unser Bild der Stadt prägen. In die Kunstgeschichte aber schrieb sich Brassaï mit seinen Künstlerporträts ein. Sie sind nun dahin zurückgekehrt, wo seine Karriere als Maler eigentlich hätte beginnen sollen: nach Berlin-Charlottenburg, ins Museum, zu Berggruen und in die Sammlung Scharf-Gerstenberg.

Die beiden Häuser stehen als Dependancen der Neuen Nationalgalerie einander räumlich und inhaltlich nahe wie kaum sonst eines bei den Staatlichen Museen. Beide sind Prachtbauten von Stüler, beide beherbergen private Sammlungen der klassischen Moderne, doch verfolgte jedes Haus bislang sein eigenes Programm. Kein Maler, kein Bildhauer, sondern Brassaï als Fotograf führt die beiden Adressen nun mit einer Doppelschau zusammen. Ähnlich wie bei den Nachtbildern gelingt es Brassaï auch hier, die Blicke zu öffnen für das Verborgene, die Geschichte hinter den Arbeiten der Maler und Bildhauer, aber auch für die geheime Kunst einer Stadt, die in anonymen Graffitis zutage tritt.

Berggruen und Brassaï, das passt. Der Fotograf war – bis auf Paul Klee – mit genau jenen Künstlern, die der vor vier Jahren verstorbene Kunsthändler vornehmlich sammelte, befreundet und ging in ihren Ateliers ein und aus. Seine Aufnahmen verteilen sich im ganzen Haus, ergänzen deren Werke. Die „Kämmende“, Picassos kleine Bronze, die in Brassaïs Foto noch in der Wohnung des Künstlers auf einem Kaminsims steht, befindet sich nun leibhaftig vor dem Betrachter. Bei Braques, dem leidenschaftlichen Pfeifenraucher, den Picasso mit seinem typischen Accessoire porträtierte, rückt Brassaï seine bemerkenswerte Pfeifenkollektion mit ins Bild. Darunter ist auch jenes Exemplar mit langem Stiel zu sehen, das in einem Stillleben des Malers wiederkehrt. Im Atelier von Matisse sitzt gerade Lydia Delectorskaya neben einem Blumenstrauß lesend am Tisch, während der Maler sie mit dem Pinsel in der Hand betrachtet. Ganz offensichtlich posiert hier das gleiche Modell wie auf dem Berggruen-Bild „Die bestickte grüne Bluse“. Der Schnitt von Augen, Nase, Mund stimmt überein, auch wenn die Schöne nun erblondet ist.

Der Betrachter begibt sich automatisch auf die Suche nach wiederkehrenden Motiven, Requisiten und entdeckt doch mehr, denn Brassaï war nicht nur Dokumentarist, sondern besaß einen eigenen künstlerischen Blick. In seinen Bildern zeigt sich die Atmosphäre eines Ateliers, aber auch die Mentalität des darin Arbeitenden: bei Matisse das Lichte, Helle, Heitere, bei Picasso die sinistre, ja gewaltvolle Seite, bei Giacometti das Manische. Der Schweizer unterhielt nur wenige Straßen von Brassaï entfernt sein winziges Atelier, aus dem Schichten getrockneter Farbe und Tonreste ein Eremitengehäus formten, darin ein Mann mit Strubbelhaaren und blitzwachen Augen.

Für Brassaïs Gastspiel in der Sammlung Scharf-Gerstenberg gilt das umgekehrte Prinzip: Hier kommt nicht der Fotograf zu den Künstlern, sondern ein Maler profitiert von ihm. Brassaï hatte über Jahre die Graffiti in der Stadt fotografiert, naive Kratzbilder im Hausputz, die ein eigentümliches Eigenleben führen. Drei Löcher in der Wand – Auge, Auge, Mund – mit angedeuteten Haaren, Gesichtskonturen oder nur die Silhouette eines Tieres, einer weiblichen Figur besitzen eine geradezu archaische Kraft, der Höhlenmalerei verwandt. Der Art-brut-Maler Jean Dubuffet hatte dies erkannt. Einige seiner Bilder, die im Marstall zusammen mit der Graffiti-Serie zu sehen sind, scheinen direkt von den Aufnahmen inspiriert. Der Fotograf hatte im Stadtbild entdeckt, was sich die Surrealisten mühsam erst erarbeiten mussten.

Brassaï in Charlottenburg, das bedeutet zugleich ein Ende und Neuanfang. Wenn die Ausstellung bei Berggruen schließt, endet eine Ära: die Zeit des kleinen Juwels, die Intimität eines Sammlerdomizils. Mit Wiedereröffnung im Sommer 2012 nach dem Umbau wird eine gläserne Verbindung zum Nachbargebäude bestehen, das bislang eine Kindertagesstätte beherbergte. Dort werden auch die Werke aus Familienbesitz ausgestellt sein, die Nicolas und Olivier Berggruen mit ihrer Mutter Bettina zuletzt erwarben. Die Ausstellungsfläche erweitert sich, die Museumspädagogik bekommt mehr Platz. Das Entree bleibt zur Schlossstraße hin, verliert allerdings seine private Atmosphäre von einst, als Heinz Berggruen noch in der kleinen Buchhandlung zum Signieren stand.

Mit dem Umbau der Sammlung geht der Standort Charlottenburg auf Besucherfang. Den Abzug Nofretetes und der Romantiker zur Museumsinsel hin hat der seit ’89 an die Peripherie gerückte Bezirk bis heute nicht verschmerzt. Die Publikumszahlen der Sonderausstellung Bellmer & Bourgeois zuletzt bei Scharf-Gerstenberg deprimierten. Der Doppelschlag mit Brassaï ist ein weiterer Versuch, die Attraktivität zu steigern. Der Blick ins Atelier, die Werkstatt der Genies zeigt die andere Seite der Klassiker, den Alltag und so manches Gesicht.

Berggruen & Scharf-Gerstenberg, Schlossstr. 1/70, bis 28.8.; Di–So 10–18 Uhr. Katalog (Nicolai) 33 €.

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