Kultur : Fotografie: Der Bildersammler

Claudia Wahjudi

Gmunden ist ein schönes Fleckchen Erde. Rings um den Traunsee ragen Berge auf, und am Ufer versprechen schmucke Häuser eine behagliche Rast. Doch Gmunden ist eine Ausnahme. Hans-Peter Feldmann hat von seinen Reisen 93 Fotos mitgebracht, die alle "Blicke aus Hotelzimmern" zeigen, und nur wenige stellen die Aufenthaltsorte des Düsseldorfer Künstlers so idyllisch wie das österreichische Ferienstädtchen dar. So hatte Feldmann in Dresden zwar einen wunderbaren Blick auf das Elbpanorama, benutzte jedoch für die Nachtaufnahme keinen empfindlichen Film. Von der barocken Silhouette sind auf dem Foto nur grobkörnige Farbpixel übrig.

Die Originalabzüge dieser Hotelserie liegen lose in einer Vitrine oder wurden in ein dickes Skizzenbuch geklebt (15 000 Mark). Farbige Kopien der Fotos hängen an der Galeriewand. Feldmann bereiste auch Toronto und Chicago, Nantes, Athen und New York. Das verraten allerdings nur die Bildunterschriften, denn der Hinterhof, den Feldmann zwischen New Yorker Wolkenkratzern aufnahm, könnte auch in Chicago liegen, der Wasserspeicher in Chicago wiederum könnte genauso gut in Toronto stehen. So zeigt sich die Welt im Zufall. Mit Motivwahl und Technik unterläuft Feldmann jene Erwartungen an Fotokunst, wie sie die perfekten, sachlich-analytischen Großaufnahmen der Zeitgenossen geweckt haben. Seine Bilder sind Schnappschüsse aus Touristenperspektive, mal verwackelt, mal über- oder unterbelichtet. Feldmann, 1941 geboren, polemisiert gegen die Aura des Originals und überführt den Betrachter, ohne ihn jemals bloß zu stellen: Er demontiert dessen medial geprägte Vorstellungen und bestätigt ihn stattdessen in seiner Alltagswahrnehmung.

Wie ein Fries streckt sich die Hotelserie über die Wand und leitet elegant über zu Feldmanns früheren Arbeiten in der hinteren Ecke der Galerie - zu Bilderfolgen wie "Haare" (3500 Mark) oder "Frau auf Stuhl", kleinen Schwarzweißfotos, die vom Interesse des Künstlers an Alltagsphänomenen zeugen. Feldmann fertigte sie in den siebziger Jahren, als er mit immer neuen Zusammenstellungen von Postkarten, Plakaten und Zeitungsfotos die Bilderrealität des Mainstreams in Frage stellte. Und ein wichtiges Beispiel sozialer Alltagsfotografie schuf: In 320 Fotos dokumentierte er Architektur und Straßenleben seiner Geburtsstadt Essen an Orten wie Supermärkten oder Spielplätzen. Die Edition "profil Nr. 6" (42 Mark) knüpft an seine alte Medienkritik an. Feldmann hat die Ausgabe des österreichischen Nachrichtenmagazins "profil", die im Februar 2000 zur Wahl Jörg Haiders erschien, im Original-Layout neu produziert, jedoch alle Texte und Anzeigen fortgelassen. Nichts lenkt nun mehr ab von dem, was die Fotos über die "Schande Europas" aussagen, wie "profil" titelte. Geradezu harmlos wirken daneben jene antiquarischen Bücher, die Feldmann durch Zugaben wie Federn oder eine zerquetschte Fliege in Objekte verwandelt. Unverkäuflich sind sie, einmalig sollen sie dennoch nicht sein: Feldmann nennt sie "Bücher zum Selbermachen" - Nachahmung erwünscht.

Ganz ohne Aura kommt jedoch auch Hans-Peter Feldmann nicht aus. "Paris", das sind 30 Schwarzweiß-Fotografien von Pariser Sehenswürdigkeiten auf Karton, erhältlich in einer Mappe mit Bändchen und feierlich präsentiert in einem Glasschrank (8000 Mark). Und "Venus II" zeigt ein Pin Up, das sich auf glänzendem Seidenstoff räkelt. Auf die Scham hat Feldmann ein kleines Knäuel roter Wolle geklebt. Ein Gag, den sich nur erlaubt, wer sich seines guten Rufs sicher sein kann.

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