Kultur : Fotografie: Der koloniale Blick

Bernhard Schulz

In unseren Zeiten des weltumspannenden Tourismus ist die Faszination, die ferne Länder einst ausstrahlten, zum Alltagsgut verblasst. In den Fotografien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts indessen ist sie bewahrt: Die Präzision der mit großformatigen Plattenkameras detailgenau festgehaltenen Ansichten paart sich mit dem Eindruck unüberbrückbarer Fremdheit. Selbst wenn die Orte heutzutage bestens bekannt sind, bergen die Fotografien des 19. Jahrhunderts ein Geheimnis, das die eigene, heute Erfahrung kaum mehr entschlüsseln kann.

So ist auch die Ausstellung, die das in Sachen Fotografie ungemein rührige Müchner Stadtmuseum den indischen Ansichten des Berufsfotografen Samuel Bourne widmet, ein Ereignis. Zwischen 1863 und 1870 bereiste der Engländer den indischen Subkontinent, das Herzstück des British Empire. Vor allem seine Expeditionen in die unerforschten Regionen des Himalaya müssen eine Sensation gewesen sein. Bis zu 80 Träger waren nötig, um Bourne, seine Ausrüstung - einschließlich Dunkelkammerzelt! - und vor allem den notwendigen Proviant in Höhen von bis zu 5600 Metern zu schleppen. Der Fotograf berichtete später ausführlich über die Widrigkeiten seiner Expeditionen, deren erste er gleich nach seiner Ankunft in Indien in Angriff nahm. Die Bilder selbst sind frei von allen Beschwerlichkeiten - stets galt es zu warten, bis das Wetter genau die Aufnahmen zuließ, die jenen bleibenden Eindruck festhielten, den die Reisefotgrafen des 19. Jahrhunderts für ihr staunendes europäisches Publikum suchten.

Rund 1200 Negative entstanden in den sieben Jahren von Bournes Indien-Aufenthalt - der Zahl nach wenig im Vergleich zu dem, was heutige Amateure verknipsen, dem Aufwand nach, der für jede einzelne Aufnahme getrieben werden musste, allerdings höchst staunenswert. 200 davon versammelt die Münchner Ausstellung. Neben den Gebirgspanoramen fallen die Aufnahmen der Schauplätze des Sepoy-Aufstandes von 1857 ins Auge, dessen grausame Niederschlagung zu den dunkelsten Kapiteln der britischen Kolonialgeschichte zählt. Für die heimischen Konsumenten waren diese Aufnahmen die Bestätigung, dass die britische Vorherrschaft gesichert war und blieb.

Ohne die Kenntnis der Vorgeschichte wirken die meisten Ansichten der Kampfstätten friedlich, wenn nicht bisweilen belanglos. In Bournes Aufnahmen zeichnet sich bereits der Wandel zum touristischen Blick ab, der alle Sujets nur mehr unter dem Aspekt des Pittoresken betrachtet. Das reiche kulturelle Erbe Indiens bot Motive in Hülle und Fülle. Man wünschte, Baudenkmäler wie das Taj Mahal auch heute noch so (scheinbar) unberührt erleben zu können, wie Bourne sie vor der Ära des Massentourismus hat festhalten können.

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