Fotografie : Der Mann, der Marx stürzte

Die Kunst, "so zu fotografieren, dass ein kleiner Stachel blieb, der es trotzdem ins Blatt schaffte". Die Fotogalerie Friedrichshain würdigt den DDR-Bildreporter Peter Leske mit einer Retrospektive.

Jens Mühling

Es war mal wieder einer dieser Glücksmomente. Peter Leske hastete durch den VEB Damenbekleidung in der Schönhauser Allee, natürlich hatten sie wieder ihn geschickt, die Frauenbrigaden bekam er immer ab, seit er vom Hausfrauenblatt "Für Dich" zur "Neuen Berliner Illustrierten" gewechselt war. Plötzlich hantierte eine der Textilarbeiterinnen mit einem Marx-Plakat herum, der Teufel weiß warum. Leske drückte ab – und fing ein Bild von atemberaubender Zweideutigkeit ein: Marx steht Kopf, und man weiß nicht, ob der Papierkommunist endgültig eingemottet oder nur huldigend umgehängt werden soll.

"Das war die Kunst", sagt Leske. "So zu fotografieren, dass ein kleiner Stachel blieb, der es trotzdem ins Blatt schaffte." Wie der gestürzte Marx, der 1983 ganzseitig in der "Neuen Berliner Illustrierten" erschien – erst bei der nächsten Redaktionskonferenz fiel einem der Verantwortlichen auf, "dass wir da wohl nicht richtig aufgepasst haben".

Leske, ein hagerer, verblüffend agiler Mann von 70 Jahren, kann diebisch kichern, wenn ihm solche Geschichten einfallen, und es werden ihm nicht wenige davon einfallen an diesem Vormittag. Sprunghaft wird er sich von Bild zu Bild hangeln, einmal quer durch die Fotogalerie Friedrichshain am Helsingforser Platz, wo seine Reportagebilder derzeit in einer umfangreichen Retrospektive zu sehen sind, der dritten bereits, die die Ostberliner Traditionsgalerie dem Ostberliner Fotoreporter widmet.

Fast immer sind es Diebesgeschichten, die Leske zu seinen Bildern in den Sinn kommen, Erzählungen von kleinen Räubereien im Reporteralltag der DDR. Wie man den Funktionären eine Nase drehte, ohne dass sie es merkten. Wie man bei eng terminierten Pressereisen jene kleinen Extramomente abzwackte, die es brauchte, um Anspruchsvolleres zu produzieren als das Geforderte: Etwa neun von zehn Ausstellungsbildern habe er am Rande seiner Auftragsreisen fotografiert, sagt Leske, und wieder schwingt da dieser Stolz mit, dem System etwas abgetrotzt zu haben, das eigentlich nicht vorgesehen war.

Die Lizenz zum Reisen

"Wir waren die Fettaugen auf der Wassersuppe", sagt Leske, denn auch über jenen überschaubaren Zirkel ostdeutscher Reportagefotografen, die in der DDR einiges an Privilegien genossen. Zugebilligt wurde ihnen, wie Leske mit ironisch gewölbten Augenbrauen rezitiert, "aufgrund der Bedeutung ihrer Tätigkeit in den zentralen Presseorganen" nicht nur die entsprechende Ausrüstung: Hochwertige japanische Nikons standen zur Verfügung und fürs Mittelformat echte Hasselblads, nicht etwa "irgendwelche Praktikas" – den Namen der DDR-Durchschnittsknipse presst Leske despektierlich durch den Mundwinkel. Viel entscheidender war die Lizenz zum Reisen: Die wohldosierten Weltausschnitte, die der DDR-Bürger staunenden Auges in seinen Illustrierten, nicht aber in realiter bewundern durfte, hatten Leske und seine Kollegen schließlich mit eigenen Augen in der Welt jenseits der Grenzen zusammengetragen.

Dieses Privileg war es denn auch zuallererst, das Leske 1960 den Beruf des Fotoreporters ergreifen ließ. Beim Ostberliner Nachrichtendienst ADN, wo seine Karriere begann, stieg er jedoch schon nach drei Jahren wieder aus: Der Reiz des schnellen Nachrichtenbildes habe sich bald abgenutzt, erinnert sich Leske, den es früh zu den "Illustrierten" zog – ein viel gebrauchtes Wort in seinen Erinnerungen, denn im Osten sprach man eben bis zuletzt von Illustrierten, wo die Westkollegen längst "Magazin" sagten. Nicht, dass Leske nicht mitverfolgt hätte, was sich bei der Konkurrenz jenseits der Grenzen tat, was bei "Stern", "Geo" oder "Life" so alles möglich war. Natürlich waren die Produktionsbedingungen bei den Zeitschriften des Berliner Verlags, für die Leske ab Mitte der sechziger Jahre arbeitete, ungleich karger. Aber einer wie er verstand es eben trotzdem, hier und da ein bisschen mehr herauszuschlagen – gerade was das Reisen anging: Für die "Neue Berliner Illustrierte" lichtete Leske ab den siebziger Jahren nicht nur den größten Teil des Ostblocks ab, er schaffte es mit der Kamera auch nach Italien, nach Kuweit, Äthiopien und sogar bis nach Japan.

Je exotischer das Reiseziel, desto weniger habe er geschlafen, erinnert sich Leske. Meist blieben ihm nur wenige Tage, um hungrigen Auges durch fremde Städte und Landschaften zu streifen – da musste so viel Welt wie möglich durch den Sucher in die Seele, bevor es zurückging in den Arbeiter- und Bauernstaat. Vielen der Bilder, die derzeit in Friedrichshain gezeigt werden, sieht man diesen visuellen Hunger an: Noch in den ruhigsten Aufnahmen ist Leskes Blick ein gieriger, noch in den unspektakulärsten Motiven schwingt das Staunen über eine Welt mit, die sich hier einer zum allerersten Mal erschließt. Die große, die weite Welt – ein Quäntchen größer noch und weiter wirkt sie, wenn einer aus der engen DDR sie im Sucher hat.

"Man sieht nur, was man weiß"

Nicht, dass Leske sich seinen Reisezielen naiv genähert hätte: "Man sieht nur, was man weiß", dieses Goethe-Wort war früh sein Leitspruch geworden, weshalb er sich die Länder, die er bereiste, zuvor grundsätzlich lesend erschloss. Ein Ratschlag, den er später als Lehrbeauftragter für Illustrierten-Fotografie auch seinen Studenten an der Leipziger Karl-Marx-Universität ans Herz legen sollte.

Diese theoretische Grundlage seiner Arbeit war es, die Leske nach der Wende weich fallen ließ: Als die Illustrierten des Berliner Verlags abgewickelt wurden, löste er zunächst den Bilderfundus des Hauses auf, bevor ihm 1992 ein Lehrauftrag für Fotografie an der Humboldt-Universität angetragen wurde. Mitte der neunziger Jahre warb ihn schließlich die Hochschule der Künste als Fotografie-Dozenten ab, wo Leske bis zur Pensionierung tätig blieb.

Sein Reporterleben allerdings, das die aktuelle Ausstellung dokumentiert, war mit der Wende vorbei. Landschaften und Akte fotografiert Leske heute, ein bisschen malt er auch. In gewisser Weise befreiend sei das, sagt er, die Motive nicht mehr in der Welt suchen zu müssen.

Fotogalerie Friedrichshain, Helsingforser Platz 1, bis 7. September.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben