Fotografie : Der Mann, der warten konnte

Eine Retrospektive im Gropius-Bau würdigt den großen deutschen Fotografen Robert Lebeck.

Kai Müller
Robert Lebeck
Robert Lebeck. Eine Retrospektive im Gropius-Bau würdigt den großen deutschen Fotografen. -Foto: dpa

Das Zeitalter der Fotografie ist das der Gleichzeitigkeit. Eine Zentralperspektive gibt es nicht. Ereignisse setzen sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher Blickwinkel zusammen, und je mehr es davon gibt, desto wichtiger ist das Geschehen. Das, was passiert, wird vom kollektiven Wabenauge in kleine Sichtfenster zerstückelt. Weshalb auch gilt: Je mehr Bilder es gibt, desto unwichtiger sind sie. Bis auf das eine, das alle anderen aussticht. Oft stammte es von Robert Lebeck.

Im Pulk der Pressefotografen hat sich der lässige Berliner meist überflüssig gefühlt. Also sonderte er sich ab, schlich davon. Bei der Beerdigung Robert Kennedys auf dem Friedhof in Arlington etwa war ihm das Gedränge an der Grabstelle zu groß. Und es wurde immer größer, je länger der Sarg mit dem ermordeten Senator auf sich warten ließ. Erst tief in der Nacht traf er ein. Lebeck traute seinen Augen kaum, als der Trauerzug sich dann zwischen den Gräbern verirrte und direkt auf ihn zuhielt. "Man kann nicht alles dem Glück überlassen, man muss auch ein bisschen nachhelfen", sagt Lebeck heute über solche Zufälle. So ist es denn die Mischung aus Charme und Kaltblütigkeit, Instinkt und Empathie, die ihn zu einem Großen seiner Zunft gemacht haben.

"Fotografieren heißt, Regeln verletzen", lautet das Credo des früheren Star-Reporters beim "Stern". Wie erfolgreich er dieser Devise vier Jahrzehnte lang folgte, zeigt nun erstmals eine umfassende Retrospekte von Lebecks Arbeiten im Berliner Martin-Gropius-Bau. Über 400 Bilder sowie etliche in Glasvitrinen einsehbare Magazinreportagen dokumentieren das schillernd abwechslungsreiche Werk des selbst ernannten "Universalisten", der sich ebenso versiert zwischen hungernden brasilianischen Landarbeitern zu bewegen verstand wie auf dem Parkett diplomatischer Empfänge.

Die schlicht "Fotografien 1955-2005" betitelte Ausstellung ähnelt nicht nur ihrem Umfang nach der nicht lange zurück liegenden großen Cartier-Bresson- Schau. Wie der Pionier der Kleinbildkamera, vermochte auch der große, schlaksige Deutsche sich unsichtbar zu machen. Lebecks lange Reihe unvergesslicher Schnappschüsse, von den trauernden Schwestern Jackie Onassis und Lee Radziwill am Sarg Bobby Kennedys, von Khomeinis Rückkehr in den Iran oder von Willy Brandts Regierungsjahren lassen ein Gespür für die Grenzen der Diskretion erkennen. Lebeck war kein Draufgänger, keiner, der die Gefahr suchte. Obgleich er sich wie sein Vorbild Erich Salomon gelegentlich hinter einem Vorhang zu verbergen pflegte und sagt: "Wenn es wichtiger war, das Bild zu machen, als auf irgendeinen Sekretär zu hören, dann habe ich nicht hingehört." Seiner Weigerung, technische Tricks und verwegene Kameraperspektiven zu wählen gab er den Namen: "direkte Fotografie".

Lebeck ist Autodidakt. Die einzige Ausbildung, die er genossen habe, scherzt er, sei die Bedienungsanleitung seiner ersten Kamera, einer Retina 1a, gewesen. Doch früh hat er den visuellen Rhythmus einer guten Bildergeschichte verinnerlicht. Wie sehr er sich auf Geschehnisse einzulassen verstand, lässt sich nun an Museumswänden studieren. Denn die Schlüsselmomente seiner Stories werden auch in ihrer narrativen Entwicklung vorgestellt. Wie jene Aufnahme, die Lebeck 1960 vom Degendieb im Kongo gelang. Der Reporter hatte es am Tag der Unabhängigkeitsfeierlichkeiten versäumt, die Ankunft des belgischen Monarchen am Flughafen abzupassen. Nun wartete er im Stadtzentrum von Leopoldville auf die Wagenkolonne König Baudouins. Am Straßenrand war die belgische Fahne aufgestellt, so dass der Autokorso abstoppen würde. Dort baute sich Lebeck auf. Der offene Wagen des Königs erschien und Lebeck schlüpfte durch eine Lücke der Polizei-Eskorte. Er stand nur zwei Meter hinter dem in eine weiße Uniform gekleideten König, als ein schwarzer Mann plötzlich ins Cabrio langte, den Degen vom Rücksitz nahm und davonlief. "Niemand bemerkte es. Wenn ich diesen Moment nicht fotografiert hätte, hätte das belgische Königshaus abgestritten, dass es jemals passiert ist." Die Bilderfolge schildert genau, wie der Flüchtende nach ein paar Metern gestellt wurde und sich mit seinem erbeuteten Prunkstück gegen Maschinenpistolen zur Wehr setzen wollte.

Dass Lebeck stets alles zuzufliegen schien, hat ihm den Spitznamen "Easy Bob" eingetragen. Dabei war sein Leben zunächst alles andere als einfach. 1929 in Berlin geboren, wuchs er mit einem bettlägerigen Vater auf, der an Multiple Sklerose erkrankt war. Die Mutter verließ Mann und Sohn früh. Die Pflege der beiden fiel Großmutter Lebeck zu. Der Knabe lernte sich in einer Gesellschaft durchzuschlagen, die von "Volksgemeinschaft" faselte, aber jedem bedeutete: Hilf dir selbst. Während der Vater bei Fliegeralarm hilflos im Bett blieb, brachten sich die alte Dame und ihr Enkel im Luftschutzkeller in Sicherheit. 1944 wurde der 15-jährige Vollwaise, der ein Schuljahr übersprungen hatte, zum Flakhelfer. Er und seinesgleichen bildeten das letzte Aufgebot, das der Roten Armee trotzen sollte. Lebeck setzte sich ab. "Mit 16 dachte ich, dass ich das Schlimmste schon hinter mir hatte", erzählt der Fotograf und meint, dass ihn diese Erfahrung für kommende Nervenkitzel gewappnet habe. Sie hat auch jenes amüsierte Lächeln in sein Gesicht gelegt, das nie zu verschwinden scheint.

Lebeck sei "ein Entkommener", schrieb Heinrich Jaenecke über seinen Kollegen, "und wie alle seiner Generation, war er gierig nach Leben". Das traf sich gut. Denn mit der aufblühenden Presselandschaft in Nachkriegsdeutschland wuchs der Durst nach Lebendigem, von dem man berichten konnte. Lebeck war mittendrin. Ob für "Revue", "Kristall", "Life" oder "Stern", von seinen langen Reisen in die Sowjetunion, nach Asien und in die sich vom Kolonialismus lösenden Staaten Afrikas brachte er meist Ansichten mit, die sich für Doppelseiten eigneten. Und die waren die harte Währung, um die in den Fotoredaktionen gewetteifert wurde.

Obwohl Lebeck nicht gefeit war gegen die Versuchung, Nähe gegen Intimität einzutauschen, wie seine eindrucksvolle Porträtserie von Romy Schneider belegt, wahrte er doch Distanz. Seine Politiker- und Künstlerporträts sind bei aller Zuneigung kühl, sie leben von der Situation. So wie der Beruf des Bildreporters ja auch darin besteht, Leute etwas tun zu lassen, das ihnen nicht in den Sinn gekommen wäre.

Dass Lebecks Fotos einmal im Museum hängen würden, hätte ihr Schöpfer nicht gedacht. In den letzten Jahren habe die Fotografie enorm an Ansehen gewonnen, erklärt Lebeck. "Man hat meine Bilder früher jedenfalls nicht mit Sicherheitsschrauben an der Wand befestigt."

Robert Lebeck, Fotografien 1955-2005, bis 23. März im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7. Katalog "Robert Lebeck. Fotoreporter", Steidl-Verlag, 240 Seiten, 286 Abb., 12 €.

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