Fotografie : Der wandernde Raum

Die Fotokünstlerin Stefanie Bürkle erkundet in „Placemaking“, wie und wo Migranten wohnen.

Anna Pataczek
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Kissenschlacht. Stefanie Bürkle in ihrer Ausstellung in der Schering-Stiftung. Foto: Steinert

Sie ist eine Spezialistin für das Normale, Banale. Als Stefanie Bürkle zwischen 1998 und 2002 durch Deutschlands mittelgroße Städte fuhr, Hamm, Düren, Paderborn, Gera, Herne, brachte sie Fotografien von ihren Reisen mit, die schwer zu beschreiben sind. Weil der Blick darauf ziellos umherwandert auf der Suche nach dem Besonderem, dem Auffälligen. Man findet nichts. Parkbuchten, Lärmschutzwände, Car-Ports sind zu sehen, Orte am Ortsrand, so austauschbar, dass man vorbeigefahren wäre. Stefanie Bürkle nicht. Sie hat angehalten. Das Alltägliche in der Architektur interessiert sie.

Aus dem Projekt ging die Fotoserie „Eiscafé Venezia“ hervor, 2004 als Bildband erschienen. Es ist eine Sammlung von Eisdielen, die seit den sechziger Jahren westdeutsche Städten bevölkern und für mehr als den kulinarischen Genuss stehen, nämlich für Sehnsuchtsorte italienischer Kulturexklaven. Und doch sind sie urdeutsch. „Mich interessiert nicht das Globale“, sagt Stefanie Bürkle, „mich interessiert das Lokale.“ Erst vor kurzem ist die in Berlin lebende Künstlerin durch eine Passage zwischen der Friedrichstraße und Unter den Linden gelaufen, von einem Innenhof zum nächsten. „Ich habe mich gefühlt wie in London oder New York“, erzählt sie. Wenn alles gleich aussieht, dann hat das mit der Außenhaut zu tun, egal, was für ein Charakter darinsteckt. Stefanie Bürkles Kunst ist eine Auseinandersetzung mit Fassaden. „Die Lesbarkeit von Oberflächen treibt mich um“, sagt sie.

Auf ihr neuestes Projekt „Placemaking“ kann man zurzeit an vielen Orten der Stadt stoßen. Heute wird ein Teil der Arbeit als 24-Stunden-Videoinstallation vor dem HAU 2 und im Foyer projiziert. Ab Ende nächster Woche zeigen außerdem das türkische Restaurant Mercan in Kreuzberg, das Talad Thai in Charlottenburg und die CCCP-Bar in Mitte zu wechselnden Zeiten auf ihren Fernsehern Bürkles Bilder. Bereits jetzt sind sie in der Berlinischen Galerie und in der Schering Stiftung Unter den Linden zu sehen. Dort ist sozusagen das Hauptquartier. Das Projekt wurde durch die Stiftung und den Hauptstadtkulturfonds gefördert.

Ihr Thema diesmal: Migration. „Über die Bande“ habe sie sich mit dem Mauerfall beschäftigt, sagt Stefanie Bürkle, geboren 1966 in Heilbronn. Sie will Berlin aus den Augen von Nicht-Berlinern sehen. Wie haben Migranten den Wandel der Stadt erlebt – nicht das Ereignis selbst, sondern die Veränderungen des Raumes? Und wo haben sie ihre eigenen Plätze auf dem großen neuen Spielfeld Berlin gefunden? An der Schnittstelle zwischen Forschung und Kunst hat Bürkle mit ihrem Team Vietnamesen, Türken, Polen, Russen interviewt. Von jedem wurde eine ganz individuelle Berlin- Karte angefertigt, auf der die Wohnung und der Arbeitsplatz, Lieblingsorte, und „No-Go-Areas“ eingezeichnet sind. Das Ganze ließ Bürkle auf Sitzkissen drucken, die in der Schering-Stiftung auf dem Boden liegen und den Besucher einladen, zurückgelehnt und über Kopfhörer den Erfahrungsberichten zu folgen.

Da erzählt die vietnamesische Nagelstudiobesitzerin Huong C., dass sie sich Charlottenburg für ihren Laden ausgesucht hatte, weil dort wenige Menschen arbeitslos sind. „In Westberlin ist es sowieso lebhafter, und die Leute kennen sich besser mit Mode aus.“ Sie selbst fährt jeden Morgen aus Marzahn zur Arbeit. Und der polnischstämmige Martin Z. sagt, der Osten erinnere ihn an den Osten. „Ich finde das alles ein bisschen grau, Ich fühle mich bis heute irgendwie als Westberliner.“

„Placemaking“ ist keine soziologische Studie über Migration, in der es um die Frage geglückter oder misslungener Integration ginge. Stefanie Bürkle interessiert sich für die Räume, in denen sich Migranten bewegen. Sie sind im Stadtbild sichtbar. In einer Videoinstallation zeigt sie Häuser mit Satellitenschüsseln an jedem Balkon, türkische Dönerbuden, vietnamesische Lebensmittelläden. Die Menschen richten sich ihre Stadt ein. Im Prinzip ist Berlin ein einziger großer Innenraum und jeder richtet sich nach seinem Geschmack ein.

Als der Palast der Republik noch stand und die Debatten über seine Zukunft im vollen Gange waren, da war es Zeit für Kunst, fand Bürkle. Die kann von Ballast befreien. Sie piekst ein Loch in einen Ballon voller Bedeutung. Genügt von einem derart symbolhaft aufgeladenen Gebäude wie dem ehemaligen DDR-Volkspalast nicht die goldbraune Spiegelfassade? 2003 produzierte Stefanie Bürkle also rollenweise Tapete, mit dem charakteristischen Muster, die man sich zu Hause hin-kleistern konnte. Bekannte Berliner Gesichter haben bei der Aktion mitgemacht, die die Künstlerin alle vor ihrer neuen Wand fotografierte, die SPD-Politikerin Jutta Limbach und damalige Präsidentin des Goethe-Instituts, der Generalmusikdirektor der Staatsoper, Daniel Barenboim, oder Peter Strieder, damals Senator für Stadtentwicklung.

Wenn man es genau betrachtet, dann sind Fassaden für Stefanie Bürkle Kulissen. Sie behaupten mehr, als sie sind. Irgendwie logisch, dass Stefanie Bürkle neben Malerei an der UdK in Berlin auch Szenografie in Paris studiert und als Bühnenbildnerin gearbeitet hat. Seit diesem Jahr ist die Künstlerin Professorin für Bildende Kunst an der TU Berlin. Sie versucht dort, angehenden Architekten einen anderen Blick auf die Stadt zu vermitteln. Schließlich werden diese einmal die einzig verbliebenen freien Flächen zubauen – die Brachen. Jene Räume, die in ihrer Disfunktionalität noch wirklich etwas über eine Stadt erzählen.

HAU 2, heute 17-18 Uhr und 21.30-23 Uhr (Foyer), 23-18 Uhr (draußen), 9. 11. 18-20 Uhr (Foyer). Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124-128, bis 31. 1., Schering- Stiftung, Unter den Linden 32-24, bis 12. 12.. Mercan-Restaurant, Wiener Str. 10, 14. 11. bis 21. 11., CCCP-Bar, Torstr. 136, 21. 11. bis 28. 11., Talad Thai, Gervinusstr. 2-3, 28. 11. bis 5. 12., www.placemaking.de

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