Kultur : Fotografie: Ein maroder Betrieb

Bernhard Schulz

"Ruinen schaffen ohne Waffen", war die bitterböse Losung, die Dissidenten für die katastrophale Städtebaupolitik der DDR fanden. Was durch den Krieg gekommen war, wurde - von Vorzeigestücken und -straßen abgesehen - dem Verfall preisgegeben. Wer heute durch die teils leuchtend, teils leidlich sanierten Städte im Osten Deutschlands fährt, kann das Ausmaß der früheren Verwahrlosung kaum noch erahnen.

Die Verbundnetz Gas AG in Leipzig hat 1992 acht Fotografen damit beauftragt, den Wandel in den neuen Bundesländern zu dokumentieren, und baut seither eine Sammlung von entsprechenden Fotografien unter dem Titel "Vor Ort Ost" auf. Der Untertitel "Archiv der Wirklichkeit" trifft genau den Punkt. Denn es handelt sich durchweg um Fotografen, die die Realität mit scharfem, unbestechlichen Blick registrieren, ohne sie durch optische Gags oder gar Inszenierungen zu verfälschen. Man hat von einer "Leipziger Schule der Fotografie" gesprochen, weil die Protagonisten dieser Richtung - und so auch sechs der acht Auftragsfotografen der Verbundnetz AG - ihr Metier in den achtziger Jahren an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst erlernt haben. Mit ihrer jeder propagandistischen Beschönigung widerstrebenden Haltung konnten sie allerdings in der DDR nicht reüssieren. Ihre Ausstellungen blieben nur einem eingeweihten Publikum zugänglich.

Inzwischen hat die Verbundnetz AG ihr Konzept erweitert und einen größeren Kreis von Fotografen einbezogen, um über die Archivierung des Gewesenen hinaus prägnante Bildvergleiche vorzunehmen. Die Ergebnisse dieser Spurensuche sind unter dem Titel "Stadt Land Ost" derzeit im Bauhaus Dessau zu sehen, etwas gewollt im Heizungskeller des Bühnenhauses arrangiert. Es bedarf dieses Ambientes nicht, um den durchgängigen Eindruck der DDR als eines maroden Industriebetriebes zu evozieren. Die Aufnahmen sprechen für sich, gerade weil sie so lakonisch sind, weil sie so gar nicht überreden wollen, sondern nur das Vorhandene vorzeigen. Der Vergleich von gestern und heute fällt durchaus nicht strahlend aus. Die Fotografen haben Orte gewählt, die weniger Heilungsprozesse denn bloße Amputationen zeigen: Die Häuser, die in den achtziger Jahren zu sehen waren, die leckenden Industrieanlagen, sie sind einfach verschwunden, so wie die Landschaftswunden der sich durchs Land fressenden Braunkohlentagebaue allmählich vernarben, wie es Marion Wenzel dokumentiert.

Es wäre allerdings ganz falsch, in den Fotografen so etwas wie bloße Reporter der Alltagswelt zu sehen. Ihr ästhetisches Vermögen ist beeindruckend. So sehr sie die Wirklichkeit als Gegenstand nehmen, so bewusst sind sie sich zugleich der formalen Möglichkeiten ihrer Sujets. So ist Ulrich Wüst - der übrigens nicht in Leipzig studiert hat - nicht nur der Beobachter der beinahe abstrakten Qualitäten Prenzelberger Hinterhöfe, sondern hat Jahre zuvor schon die ebenso trostlose wie surrealistische Atmosphäre der DDR-Provinz festgehalten. Mehrere der neu hinzugekommenen Fotografen arbeiten mit Farbe, was die Ansichten des teilsanierten Leipzig von Matthias Hoch oder Halles von Max Baumann nicht eben bunter macht. Allein der junge Thilo Kühne nähert sich in seiner Ästhetik den großformatigen Landschaftspanoramen der "Düsseldorfer Schule" an - eine Konvergenz, die das einander ähnlich Werden der Alltagsansichten vom Westen und Osten Deutschlands nur unterstreicht.

Zu der älteren Fotosammlung wie zu der jetzigen Ausstellung von 18 Fotografen liegen beeindruckende Kataloge vor. Als Archiv des Wandels im Osten sind sie schon jetzt unverzichtbar. In Zukunft werden sie eine Fundstelle ersten Ranges sein.

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