Fotografie : Exoten wie wir

Glanz, Goodwill und Gefahr - bis der koloniale Blick bricht. 50 Jahre Amnesty: Das Willy-Brandt-Haus zeigt Dana Glucksteins Fotoschau "Dignity – Die Würde des Menschen".

von
BH und Handy. Die in Los Angeles lebende Fotografin Dana Gluckstein porträtiert zwei Mädchen des Ovazemba-Volks 2007 in Namibia.
BH und Handy. Die in Los Angeles lebende Fotografin Dana Gluckstein porträtiert zwei Mädchen des Ovazemba-Volks 2007 in Namibia.Foto: Dana Gluckstein/ Katalog Willy-Brandt-Haus

Eine Kunstausstellung feiert schon in ihrem Titel das Wahre, Gute und Schöne, denn sie heißt „Dignity – Die Würde des Menschen“. Weil diese Schau der kalifornischen Fotografin Dana Gluckstein im Berliner Willy-Brandt-Haus anlässlich des 50-jährigen Bestehens von Amnesty International zu sehen ist, könnte man wohlmeinend einfach: schwärmen. Oder auch: skeptisch werden. Denn Dana Gluckstein präsentiert in edlem Schwarzweiß und im Namen der bedrohten Menschenrechte Porträts ausschließlich von Kindern, Frauen, Männern aus „indigenen Völkern“. Von Exoten, so will es auf den ersten Blick scheinen.

Das ist riskant. Jedes Kunstwerk, und sei es das abgründig schwärzeste und die Geschichte des größten Schreckens, erzählt noch vom Menschen und damit von einem Stück jener Menschenwürde, die laut unserem Grundgesetz essenziell „unantastbar“ ist. Das gilt auch für die Kunst, ob Goya oder Bacon – selbst wenn das Bild des Menschen (und aller Menschlichkeit) darin explodiert. Das Werk ist ein Zeugnis, beschwört oft umso stärker das geschundene Gegenbild. Auch die negative Utopie kündet ja in der Verneinung von der Existenz: des Positiven. Umgekehrt aber wird es schnell vertrackt. Wenn ein Künstler das absichtsvoll Schöne gegen das Schreckliche setzen will, dann entsteht oft nur Kitsch. Gutgemeintes anstelle von Kunst.

Das Willy-Brandt-Haus und seine engagierte Kuratorin Gisela Kayser, die mit ihren Ausstellungen in den Schauräumen der SPD-Zentrale in Kreuzberg inzwischen eine der ersten Adressen für Fotokunst geschaffen hat, dürfte sich der Ambivalenz ihrer jüngsten Unternehmung bewusst sein. Dana Gluckstein, deren „Dignity“-Katalogbuch vom schwarzen Friedensnobelpreisträger Bischof Desmond Tutu eingeleitet wird, hat sich seit 30 Jahren als internationale Starfotografin für verfolgte und bedrohte Völker eingesetzt und Organisationen wie Tribes in Transition unterstützt.

Ihre 90 in Berlin gezeigten Porträts präsentieren nun Massai-Häuptlinge, Bots- wana-Frauen, Bäuerinnen und Schulmädchen aus Bhutan, peruanische Schamanen und Krieger von den Fidschis, viele halb nackt, manche in Alltagskleidung oder in festlich eleganten Trachten. Warum allerdings, fragt man sich, gelten für sie auch die Nachfahren der afrikanischen Sklaven auf Haiti als „Indigene“?

Sie alle sollen ein besonderes Abbild der einen einzigen Menschheit geben. Doch das ergibt sich nicht so gelöst, so offen und wirklich global wie einst in Edward Steichens legendärer Foto-Weltausstellung der „Family of Man“ im New Yorker MoMA. Dana Gluckstein überträgt gleichsam den Inszenierungsschick der Werbe- und Glamour-Fotografie auf die teils würdig, teils posenhaft dargestellten Menschen aus den – vom Westen betrachtet – entlegenen Regionen. Und trotzdem, das ist Glucksteins Verdienst, gewinnt der Betrachter einen Eindruck der Zuneigung und Nähe, die den „kolonialen Blick“ auf die „Eingeborenen“ auch wieder bricht.

In den besten, schönsten Bildern stellt sich dann jene Selbstverständlichkeit ein wie im hier abgebildeten Porträt zweier Ovazemba-Mädchen aus Namibia, die sich so stolz wie lässig jeder voyeuristischen Anmaßung entziehen. Der BH ist der Schmuck der einen, die Freundin hat dafür schon das Handy am Busen, ihr Ausdruck wirkt fast humorvoll und allemal cool. Oder ein blinder alter Massai im Profil: ein Theiresias in der Savanne, der hölzerne, geäderte Rundknauf seines Wanderstocks gleicht seinem eigenen Schädel. Dana Gluckstein hat ein gutes Auge, und manchmal ahnt man allein durch ein paar Schweißperlen oder Schmutzflocken im Gesicht, was die Hochglanzoberfläche verbirgt.

Willy-Brandt-Haus, Stresemannstr. 28, bis 25.3. Di–So, 12–18 Uhr, Katalog 34,95 €

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben