Kultur : Fotografie: "In Flagranti"

"In Flagranti". Fotografien von Chris Killip[Ken]

An die Küste von Newcastle wird nicht nur Strandgut angespült. Zwischen modrigen, aufgerissenen Sofagarnituren, rostigen Konservendosen und Knochenresten spielt ein Kind mit einem Hula-Hoop-Reifen. Er ist nicht aus Kunststoff, sondern aus Metall und stammt wahrscheinlich von einem Holzfass. Auf einer Feuerstelle kokeln die Überreste eines Sonnenstuhls. Die Gesichter der Frauen, die an diesem Küstenstrich in schäbigen Wohnwagen hausen, sind von Ruß geschwärzt. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt als Kohlenhändler - mit vom Meer zwischen die Felsen geworfenen Kohlebrocken, die sie aufklauben und verkaufen. Auch die Menschen sind auf diese Felsen geworfen worden.

Der britische Fotograf Chris Killip verzichtet darauf, seine Bilder zu betiteln. Ort und Zeit sind unwichtig. Die grimmige Armut, in der die Strandräuber leben, symbolisiert den sozialen Kahlschlag des Thatcherismus. Zwölf Jahre reiste der 1948 auf der Isle of Man geborene Killip durch den Norden von England und dokumentierte die Verelendung der traditionsreichen Industrieregion. Sein 1988 entstandenes Buch "In Flagrante" zählt zu den bewegendsten Zeugnissen des gesellschaftlichen Umbruchs. Im Postfuhramt sind seine Arbeiten jetzt zusammen mit Reportagen von zwei jüngeren Kollegen zu sehen, die sich ebenfalls als Chronisten einer sozialen Agonie verstehen. Der 33-jährige Ken Grant widmet sich in der Arbeiterstadt Liverpool dem Alltag einer Klasse, für die Armut noch immer ein vererbtes Schicksal ist. Und der "Magnum"-Fotograf Donovan Wylie, 1971 in Belfast geboren, hält für sein Projekt "Losing Ground" das Leben jener Leute fest, die Margaret Thatcher als "New Age Traveller" verhöhnte.

Wylies Schwarzweiß-Aufnahmen zeichnen das Porträt einer Gruppe von Aussteigern, die auf der Suche nach einer Alternative zur atemlosen Leistungsgesellschaft in heruntergekommenen Wohngefährten dahindämmern. Sie leben von Dosenbier, dämpfen ihre Mutlosigkeit mit Heroin, sitzen mit "Hungry"-Schildern auf Fußwegen und ziehen sich vor der Winterkälte in leerstehende Heizungskeller zurück. Wylies eindrucksvolle Nahaufnahmen zeigen, dass ihre Armut nicht nur materieller Natur ist. Was ihnen am nötigsten fehlt, ist eine Zukunft.

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