Kultur : Fotografie: Krieg und Frieden

Claudia Keller

Im Hintergrund ägyptische Pyramiden. Unscharf und dennoch erhaben. Im Vordergrund in Gummistiefeln und Arbeitskluft: der Pyramidenstufenkehrer. Mit Besen und Schippe. Und Stolz im Gesicht. Als hätte er selbst die Pyramiden gebaut und sein Tagwerk gerade beendet. Zwischen ihm und den Pyramiden erstreckt sich Brachland, Öde, Sand. Auf einem anderen Foto, aufgenommen im iranischen Persepolis, ragt im Hintergrund ein riesiges Grabmal empor. Massiv und so mächtig, dass es gar nicht ganz drauf passt, auf das Bild. Davor eine steinige Fläche, über die schwarz vermummte Wesen huschen und lange Schatten vor sich herwerfen. Die Kreatur, eingezwängt zwischen Traditionen und der Sonne ausgeliefert, die alles zu Stein, Geröll und Sand werden lässt.

Menschen stehen auf vielen Fotografien von Samer Mohdad am Rande. Scheinen wie zufällig ins Bild geraten. Verhuscht, verschwommen, verhüllt. Ganz selten nur schauen sie direkt in die Kamera. Dadurch wirken sie unzugänglich. Die arabische Welt, so viel wird auf den ersten Blick deutlich, bleibt voyeuristischen westlichen Augen verborgen. Der im Libanon geborene Mohdad weiß das. Er kennt die Schamgrenzen seiner Landsleute. Und gerade weil er nichts vor die Linse zerrt, was nicht davor will, setzen sich seine Bilder fest im Kopf. Gerade weil sie auf spektakuläre Inszenierungen verzichten, an die wir durch die Kriegsberichterstattung aus dem Nahen und Mittleren Osten gewöhnt sind. Und die doch oft wieder nur die gleichen Klischees bedienen. Um an den Kriegshorror in Beirut zu erinnern, braucht Mohdad nicht die Naheinstellung auf vernarbte Gesichter. Ihm genügt ein Kameraschwenk auf ein Bett. Unter der Bettdecke ragt ein Kinderfuß heraus. Vor dem Bett steht der dazugehörige leere Schuh. Weit hinten im Bild der zweite Schuh. Er ist allerdings nicht leer. In ihm steckt eine Beinprothese.

Die beiläufigen Momente, die er einfängt, sind es, die viel über den Alltag der Menschen, über ihre Träume und Traumata erzählen. Das verschmitzte Lächeln auf den Gesichtern alter Männer etwa, die sich in einem Haus im lybischen Ghadames in Pose werfen, steckt voller Leben. Es verrät so viel über die Rolle, die Männer spielen müssen, die doch oft lieber mal kleine Jungs wären. Wie angenehm kühl es ist in dem weiß gekalkten Innenraum des Hauses, das zeigt das Foto auch. Fast kann man die Kühle spüren. Auch die Armut. Daneben hängt ein Foto aus Abu Dhabi. Dort gibt es Geld im Überfluss. Und so viel Wasser, dass ein reicher Scheich sein Kamel in einem Wasserbecken spazieren führen kann.

So viele Gegensätze durchziehen den Nahen und Mittleren Osten, Nordafrika und die Arabische Halbinsel, dass der Singular nicht ausreicht. "Mes Arabies", meine Arabien, heißt die Ausstellung in der Berliner ifa-Galerie, in der Mohdad Arbeiten aus den letzten zehn Jahren zeigt. Hinter allen aber steht die Wüste, die fundamentale metaphysische Wüste, sagt Mohdad. Sie ist für ihn der Ursprung aller Geschichten und auch seiner ganz persönlichen Herkunft. Ihre Wurzeln will er ergründen und dabei die vornehmste aller Beduinen-Traditionen zelebrieren: Einem Gast nie mehr als vier Schlucke Kaffee anbieten. Die Tasse bis zum Rand zu füllen, würde heißen: "Trink und dann geh." Die halb volle Tasse aber lädt den Gast ein, ein zweites Mal wiederzukommen.

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