FOTOGRAFIE : KURZ & KRITISCH

Fluchtbewegung: Bilder vom Kalten Krieg im Willy-Brandt-Haus

Annabelle Seubert

Die Panzer sind mit Gras bewachsen, die Munitionshülsen verrostet, die Bunker mit Graffiti beschmiert. Martin Roemers hat lange nach den Spuren des Kalten Krieges gesucht. Über zehn Jahre reiste der niederländische Fotograf durch den Ostblock, aber auch durch Großbritannien, Belgien und die Bundesrepublik. Die Bedrohungen der Vergangenheit, die er gefunden hat, stellt das Willy-Brandt- Haus bis 15. Januar unter dem Titel „Relikte des Kalten Krieges“ als Mahnmale der Gegenwart aus.

Niemand steht vor dem amerikanischen Waffenstützpunkt, niemand im russischen Atomschutzbunker. Roemers Fotografien sind leblos, voller Ruinen, doch tonnenschwer. Man steht vor ihnen und versucht, den Gedanken an das Ausmaß einer nuklearen Katastrophe zu verdrängen. Und den Gedanken daran, wie wenig es gebraucht hätte, diese auszulösen. So nah die Gefahr, so frisch die Spuren. Das Foto einer sowjetischen Baracke wirkt, als habe der Soldat sein Zimmer soeben fluchtartig verlassen. Tassen stehen auf einem Hocker, die Schublade des Nachttischs ist geöffnet, das Bett ungemacht.

Martin Roemers zeigt nicht, er erzählt vom „Was-wäre-Wenn“. Seine Negative entwickelt er im Kopf des Betrachters. Derart viel Leere stellt sämtliche Fülle in den Schatten. Auch wenn Barbara Klemm, der die Willy-Brandt-Stiftung zeitgleich eine Schau widmet, durch Künstlerporträts und Mauerfallreportagen besticht (ihr Schnappschuss vom „Bruderkuss“ Breschnews und Honeckers ist unvergessen) – während der Doppelausstellungseröffnung rücken die Veranstalter das Werk des 47-jährigen Roemers zu unrecht in den Hintergrund. 

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