Kultur : Fotografie: Männer, Tiere, Sensationen

Kai Müller

Gesichter der Weimarer Republik: in angespannter Erwartung, unruhig, erregt. Die Männer, die zum Fußballplatz gekommen sind, tragen ihre Sonntagsanzüge. Man renommiert mit Fliege am gestärkten Kragen, Zigarre im Mund und Westenkette vor dem Wohlstandsbauch. Das Olympiastadion gibt es 1930 noch nicht, und so müssen die Männer, die hinten stehen, die Hälse recken, um das Spiel verfolgen zu können. Für den Fotografen Paul Wolff ist der Massenauflauf ein Drama in mehreren Akten. "Fußballbegeisterung" heißt die Aufnahme, die die Anspannung der Zuschauer aus unmittelbarer Nähe einfängt.

Wolff war bereits ein anerkannter Fotograf, als er 1926 eine Leica-Kleinbildkamera erwarb. Sie war handlich und machte ebenso gute Bilder wie die klobigen Holzkasten-Kameras, mit denen die professionellen Fotografen zu arbeiten pflegten. Vor allem aber war die Leica eine Initialzündung des Fotojournalismus, der seine Motive fortan auf der Straße, in Montagehallen und Sportpalästen suchte. Wolff, 1887 im Elsass geboren, hatte Medizin studiert und im Ersten Weltkrieg in einem Feldlazarett gedient, bevor er in Frankfurt am Main das Fotostudio "Wolff & Tritschler" eröffnete. Er verstand sich als Chronist des gesellschaftlichen Lebens, trotzdem berührten ihn soziale Belange wenig. Seine Aufnahmen strahlen eine biedere Gemütlichkeit und romantische Verklärung aus, die bis in seine Industrie-Reportagen hinein wirksam sind. Dass er Anfang der vierziger Jahre mit den Opel-Werken einen Rüstungsbetrieb porträtierte ("Im Kraftfeld von Rüsselsheim"), sieht man seinen mit dem Agfa-Farbfilm experimentierenden Bildern nicht an. Was ihn faszinierte, war der Glanz der Maschinen.

Als vor wenigen Jahren ein umfangreiches Konvolut des 1951 verstorbenen Fotografen auf dem Kunstmarkt auftauchte, wurde er als "Pionier" des Bildjournalismus gefeiert. Gute Abzüge seiner Fotos kosteten plötzlich so viel wie Originale der Bauhaus-Schule, sie erzielen noch immer Preise bis zu 3000 Mark. Dabei zählte Wolff zu Lebzeiten weder zu den ästhetischen Vorreitern noch den Meistern seiner Zunft. Aber er war ein äußerst vielseitiger Kamera-Künstler, der auf gleichbleibend hohem Nivau Tiere und Pflanzen, Empfänge, Straßenszenen und Gebäude ins Bild zu setzen vermochte.

Über viele Jahre arbeitete Annette Wolff, seine zweite Ehefrau, an seiner Seite. Eine Doppelausstellung in der argus-Galerie lässt sie nun aus seinem Schatten hervortreten. Sie reüssierte zunächst als Modefotografin, bevor sie im Stil der neuen Sachlichkeit dokumentarische Aufnahmen machte. Eine unverwechselbare Handschrift entwickelte sie zwar nicht. Doch wirken ihre Schwarzweiß-Aufnahmen mitunter viel moderner. Nach der Trennung von ihrem Mann war es für Annette Wolff eine große Anstrengung, als ambitionierte Fotokünstlerin zu überleben. Von dem Ruf ihres Mannes profitierte sie - bislang - nicht.

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