Kultur : Fotografie: Neue Mitte: Bildband von Regina Schmeken

P.v.B.

Sie ist ihrer Zeit und unserer Zeit auf der Spur. Als Bildreporterin. Erst hatte sie Germanistik und Kunst studiert, dann nahm sie die Kamera. Und seit 15 Jahren ist Regina Schmeken nun Redaktionsfotografin der "Süddeutschen Zeitung". Ihre Bilder: immer in Schwarzweiß - um die elementaren Zwischentöne zu entdecken. Zwischen Licht und Lichtlosigkeit, zwischen Tod und Leben, zwischen dem Verborgenen und dem Offensichtlichen. Das macht Regina Schmeken, die Reporterin, auch zur Essayistin.

Oft ist sie an den sogenannten Brennpunkten der Zeit. Bei Parteitagen und Staatsbesuchen, bei Konferenzen und Revolten. Immer wieder hat sie so Gorbatschow und Kohl, die amerikanischen und französischen Präsidenten und das politische Personal der Bundesrepublik heute im Visier gehabt. Doch das Eigentümliche ist: Regina Schmekens Bilder strahlen selbst in der Aktion eine besondere Ruhe aus - als blicke die Kamera immer ins stille Auge des Taifuns. Wie ihr das gelingt, dafür liefern ihre Bilder kein beschreibbares Rezept; die entspannte Spannung verdankt sich wacher Intelligenz so gut wie Instinkt, Kalkül und einer im politischen Bildournalismus seltenen poetischen Intuition. Es gibt bei Regina Schmekens Fotos kaum äußere Aufregung, nur die innere Dramatik. Oder eine sanft wirkende Ironie. Das gilt auch für Gerhard Schröders Schatten, der den Kanzler wie beiläufig auch als Pistolero präsentiert, als Mitglied der politischen Weltpolizei. Zu ihr gehört auch der "BM Fischer" im rührenden Behagen. Doch des Außenministers bubenhafter Würdestolz ist zugleich ein Stück Staatstheater: hier nicht faltentief bedeutungsgrübelnd, sondern kleine Komödie. Gehört sie zum Spiel der "neuen Mitte"?

"Die neue Mitte. Deutschland 1989 - 2000" heißt Regina Schmekens soeben im Münchner Knesebeck Verlag erschienener Bildband (85 Tafeln, mit Texten von Julian Nida-Rümelin, Carola Schulz-Hoffmann und Tilman Spengler, 160 Seiten, 128 Mark). Trotz des Titels zieht das Buch freilich eher (schöne) Kreise um die deutsche Mitte. Neben politischen Szenen stehen intensive Porträts von Gadamer bis Rauschenberg und Menuhin - und ein griechischer Männerchor schart sich um eine nackte, marmorne Aphrodite im Museum, oder der Schriftsteller Stefan Heym schleicht auf der Buchmesse am Konterfei von Lady Diana vorbei wie der gebeugte Weltgeist, auglos für den Weltstar. Diese Bilder zeigen Witz, Wehmut und Weitsicht noch in der Nahaufnahme: Ab heute sind sie bis 26. Oktober auch im Haus der Commerzbank am Pariser Platz 1 zu sehen.

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