Fotografie : Orte und Taten

Entfesselte Welt: Ein großartiger Fotoband von Reporter ohne Grenzen zeigt Tatorte in aller Welt - wobei "Tatort" sehr frei ausgelegt ist. Die Bildergeschichten zeigen Reportagefotografie der Spitzenklasse.

Philipp Lichterbeck

Kenny ist zehn Jahre alt und kommt aus Bentonville im US-Bundesstaat Arkansas. Wegen Inzucht ist Kenny geistig zurückgeblieben und körperlich behindert. Aufgrund seiner tief liegenden Nase hat er Probleme beim Atmen, und weil seine Knochenstruktur abnorm ist, hinkt er. In der freien Wildbahn hätte Kenny keine Chance. Er ist ein weißer Tiger und das Ergebnis des missglückten Versuchs, einen dieser äußerst seltenen und wertvollen Tiger zu züchten. Die Fotografin Taryn Simon hat Kenny für ihre Serie "An American Index of the Hidden and Unfamiliar“ fotografiert und das verstörende Bild (ein Tiger mit deformiertem Kopf und zu kurzen Vorderbeinen auf einem Betonklotz) ist Teil des gerade erschienen Fotobands von Reporter ohne Grenzen (ROG).

Die deutsche Sektion von ROG feiert in diesem Jahr ihr 15. Jubiläum, und längst geht es bei der exzellenten Bildauswahl nicht mehr nur um Krieg, bedrohte Journalisten und die Einschränkung der Pressefreiheit, sondern um das Sichtbarmachen von "Tatorten“ – so der Titel des vorliegenden Heftes. Es vereint neun höchst unterschiedliche Fotoreportagen.

Was ein Tatort ist, wurde dabei sehr frei ausgelegt. Neben dem erbärmlichen Tiger hat Simon unter anderem eine Klinik fotografiert, in der arabische Frauen sich vor der Hochzeit das zerrissene Jungfernhäutchen flicken lassen. Oder das Studio des von der US-Regierung subventionierten Fernsehsenders "Alhurra TV“, der von Virginia aus in die arabische Welt sendet, aber dessen Ausstrahlung in den USA verboten ist.

Weniger investigativ, dafür umso komischer wirkt die Bilderserie "Bureaucratics“ des Niederländers Jan Banning. Er hat Beamte auf der ganzen Welt hinter ihren Schreibtischen fotografiert, die vom Ideal des preußischen Staatsdieners offensichtlich noch nie gehört haben. Das Projekt war oft mit tagelangem Warten und der Zahlung von Bestechungsgeldern verbunden. Allein die Ausstattung der Büros spricht Bände. Der feiste US-Sheriff aus Texas hat ausgestopfte Hirschköpfe an der Wand, er hat Computer, Telefon und mehrere Ledersessel. Demgegenüber hockt die liberianische Sachbearbeiterin der Statistikabteilung in Monrovia: ein Tisch mit drei dünnen Aktenordnern, ein zerbrochener Sessel, ein Ventilator. Ihr Gehalt, wenn es gezahlt wird, fließt zum größten Teil in die Fahrtkosten zum Arbeitsplatz.

Alltagsbilder aus Afghanistan

Erschreckend ist die Reportage des Kanadiers Benoît Aquin, der in eine der größten Katastrophenzonen der Erde gefahren ist: die Staubschüssel im Norden Chinas, wo Überweidung und falsche Landwirtschaft Millionen Hektar Land in Wüste verwandelt haben. Gigantische Staubstürme ziehen auf den Fotos durch die Städte und Dörfer, wo die Menschen Masken tragen, als ob sie sich vor der Schweinegrippe fürchteten. Manche der Stürme erreichen Japan und Korea, andere sogar die USA. Chinas Regierung hat mit einem Wiederaufforstungsprogramm reagiert: die "Große Grüne Mauer“.

Eine klassische Fotoreportage hat die US-Amerikanerin Stephanie Sinclair beigesteuert. Sie erzählt in Alltagsbildern die Geschichte der jungen Afghanin Muchtaran Mai, die auf Befehl eines Stammesrates stundenlang vergewaltigt wurde und sich dann umbringen sollte. Doch statt dem Ritual zu folgen, zeigte sie die Vergewaltiger an und gründete mit dem ihr zugesprochenen Schmerzensgeld mehrere Schulen für Jungen und Mädchen. Bis heute wird Mai bedroht, inzwischen hat sie einen der Polizisten geheiratet, der zu ihrem Schutz abgestellt ist.

Alle Bildergeschichten von "Tatorten“ – oder von Orten der Tat – zeigen, wie kreativ und notwendig die Reportagefotografie auch im Zeitalter von "Bild“-Reportern immer noch ist. Leider nur wird sie aus vielen Publikationen verdrängt von billigeren und banalen Bildern, von Celebrity-Shots oder Illustrationsfotos. Oder sie wird eben von der Einschränkung der Pressefreiheit bedroht. Allein in diesem Jahr wurden bereits 18 Journalisten getötet und 143 inhaftiert.

Reporter ohne Grenzen: Tatorte - Fotos für die Pressefreiheit 2009, 100 Seiten, 10 € (zzgl. Versand) Im Buchhandel oder unter www.reporter-ohne-grenzen.de erhältlich

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben