FOTOGRAFIE „Stille: Dirk Reinartz und Schüler“ : Im Kleinen Großes finden

Christina Tilmann

Er muss ein besonderer Lehrer gewesen sein: An fast jedem Ort, den er für seine Examensarbeit vorgeschlagen habe, sei Reinartz auch schon gewesen, erzählt Ralf Meyer, einer seiner Schüler. Und Susanne Ludwig, die sich vorgenommen hatte, Hochsitze zu fotografieren, bekam zu hören: „Das wollte ich auch immer gern machen.“ Man habe ihn auf dem Flur getroffen, auf dem Weg zur Dunkelkammer, und nachher sei er dann noch mal vorbeigekommen, um sich die Abzüge anzuschauen.

Sechs Jahre lang war Dirk Reinartz Lehrer für Fotografie an der Muthesius-Hochschule in Kiel. 2004 starb der Fotoreporter 57-jährig viel zu früh in Berlin. Die Ausstellung „Stille“ im Martin-Gropius-Bau setzt ihm ein Denkmal: indem sie seinen Arbeiten die seiner letzten Schüler gegenüberstellt. Dass auch im Kleinen Großes zu finden sei, war Reinartz’ Credo – und seine Schüler sind ihm gefolgt. Sei es die Tristesse der leer stehenden Büros eines insolventen Stahlwerks bei Susanne Ludwig oder der apokalyptisch angehäufte Computermüll bei Christoph Edelhoff (Foto), seien es die Erinnerungen an das eigene Elternhaus bei Sonja Brüggemann oder die tristen Parkplätze oder Autobahnraststätten, an denen sich wildfremde Menschen zum Sex treffen – alle Fotografien sind stille Fotografien, kleinformatig, oft menschenleer, und ungeheuer suggestiv. Sie haben gut gelernt, diese Schüler, und ihren eigenen Weg gefunden. Doch dann sieht man Reinartz’ eigene Arbeiten, die Straßenfotografien aus New York und die Aufnahmen deutscher Provinz aus „Kein schöner Land“, und begreift: Das ist doch unwiederbringlich. Christina Tilmann

Martin-Gropius-Bau, bis Mo 10.9.,

tägl. 10-20 Uhr, Eintritt frei

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