Fotografie von Lore Krüger bei C/O Berlin : Fragmente einer Odyssee

Ein Koffer voller Bilder aus dem Nachlass: Arbeiten der aus Deutschland emigrierten jüdischen Porträtfotografin Lore Krüger bei C/O-Berlin.

Jens Hinrichsen
Verblüffend offen. Lore Krügers Porträt eines Pfeife rauchenden Jungen, Frankreich 1936.
Verblüffend offen. Lore Krügers Porträt eines Pfeife rauchenden Jungen, Frankreich 1936.Foto: C/O Berlin/Lore Krüger

Was treibt Menschen zur Fotografie? „Ich fotografiere, weil ich schüchtern bin“, hat Elliott Erwitt einmal gesagt, der ehemalige Präsident der Magnum-Fotoagentur und Ehrengast bei der C/O-Berlin-Neueröffnung im vergangenen November. Inzwischen läuft der Ausstellungsbetrieb im neuen Domizil auf vollen Touren. Neben der Schau rund um den Antonioni-Film „Blow Up“ hat Hauptkurator Felix Hoffmann einen „Koffer voller Bilder“ aufgeklappt.

Die Fotos machte Lore Krüger (1914–2009) größtenteils mit ihrer nun verschrammten, in einer Vitrine ausgestellten Kleinbildkamera. In der DDR hat sie sich einen Namen als Übersetzerin von englischer und amerikanischer Literatur gemacht, von Joseph Conrad, Mark Twain oder Henry James.

Doch als Fotografin war Krüger bisher kein Begriff. Ihr Fall erinnert an die ebenfalls im Jahr 2009 verstorbene Vivian Maier, deren posthum entdeckte Straßenfotografie derzeit im Willy-Brandt-Haus präsentiert wird. Doch während die Amerikanerin jahrzehntelang auf professionellem Niveau fotografierte, hörte die ähnlich talentierte Lore Krüger kurz nach dem Krieg damit auf. Warum?

Krügers Leben ist eine bewegende Odyssee

Selbst ihre Familie wusste jahrzehntelang nicht, welchen Schatz Lore Krüger in einem Koffer aufbewahrte. 2012 bekam Felix Hoffmann Besuch von ihrem Sohn, der einen Koffer mit 150 bis 200 Abzügen brachte. „Keine Negative mehr, nur Unikate“, erinnert sich Hoffmann. Ein ziemlich chaotischer, lückenhafter Nachlass sei das gewesen, sagt der Kurator, er habe einige Zeit gebraucht, um die Qualität einzuschätzen. In der chronologischen Hängung entfalten die Exponate ihre Wirkung. Aber da ist eben auch Lore Krügers Lebensgeschichte. Eine bewegende Odyssee.

Die jüdische Fotografin, Mitglied der Résistance, stammte aus Magdeburg, emigrierte 1933 nach England, folgte ihren Eltern 1934 nach Spanien. In Barcelona und dann in Paris lässt sie sich als Porträtfotografin ausbilden. Auf einem berühmten Studioporträt, das ihre Lehrerin Florence Henri 1935 fotografierte, stützt Lore Krüger den Kopf auf die Hände: ein schönes, trauriges, verschattetes Gesicht.

Ein Jahr später besucht sie die Eltern auf Mallorca, hört von einem Massaker an republikanischen Kämpfern im Spanischen Bürgerkrieg. Hunderte Männer, tot, von Francos Leuten mit Benzin übergossen und verbrannt, fotografiert sie heimlich in einem Dorf und stellt die Serie kurz darauf in Paris aus. Heute sind die Fotos verschollen. In Marseille, auf der Flucht vor den Nationalsozialisten, erreicht sie ein Abschiedsbrief des Vaters, das erschütterndste Dokument in der Ausstellungsvitrine. Die Eltern nehmen sich im Juli 1940 in Palma de Mallorca das Leben.

Sie fotografierte Sinti und Roma verblüffend offen

„Ich glaube, sie wollte später keine Bilder mehr hinzufügen“, versucht Felix Hoffmann Krügers Schlussstrich unter die Fotografie zu erklären. Bilder, die belasten, traumatische Erinnerungen einer Exilantin. Trotzdem verwahrte die Nichtmehr-Fotografin ihre Bilder. Etwa 100 zwischen 1934 und 1949 entstandene Schwarz-Weiß-Fotos sind in der Ausstellung und in einem Begleitband zu sehen. Darunter Bilder aus New York, wo Lore und ihr Mann Ernst Krüger ab 1941 lebten und die Exilanten-Zeitschrift „The German American“ mitgründen. In zwei markanten Porträts setzte die Fotografin den Mitherausgeber Kurt Rosenfeld gekonnt ins Licht. Als Sozialdemokrat und Reichstagsabgeordneter bis 1932 war Rosenfeld ebenfalls aus Deutschland geflohen.

Die einzige Serie Krügers, die das Exil überstand, stammt aus dem Jahr 1936. Im südfranzösischen Sainte Marie de la Mer fotografiert sie Sinti und Roma: Für ihre Entstehungszeit sind das verblüffend offene Fotografien, Bilder auf Augenhöhe mit den Menschen. Ein Mann, der sich rasiert, ein anderer, der ein behindertes Kleinkind im Arm hält.

Dass Florence Henri, die Pariser Lehrerin, am Bauhaus in Dessau bei László Moholy-Nagy gelernt hatte, erkennt man an Krügers Fotogrammen, die 1935 entstehen: kühne Experimente, gegenstands- und zeitlos schön.

Eine Künstlerin ist aus Lore Krüger nicht geworden. Ihre politische Arbeit war ihr am Ende wichtiger. Noch als Neunzigjährige ging sie regelmäßig an Schulen, um ihre Erfahrungen mit dem Holocaust und dem Exil weiterzugeben. Eine exemplarische Lebensgeschichte, die sich in den Fotografien bei C/O Berlin eindringlich spiegelt.

Bis 10. April, C/O Berlin Amerika Haus, Hardenbergstr. 22–24, Mo–So 11–20 Uhr

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