FOTOGRAFIEN VON MARTIN PARR„Assorted Cocktail“ : Fastfood-Junkies

Jens Müller

Die moderne Freizeitgesellschaft: Menschen, die ihre Umwelt mit ironischer Distanz betrachten können, bietet sie einen schier unerschöpflichen Fundus. Max Goldt hat einmal in einer seiner liebenswert gemeinen Kolumnen beschrieben, wie in den Neunzigern der Swinger-Club an die Stelle der Modelleisenbahn getreten ist. Ein mindestens so begabter Beobachter seiner grotesken Umwelt ist der englische Fotograf Martin Parr.

Für die Serie „The Last Resort“ machte er vor 20 Jahren Aufnahmen seiner Landsleute beim Kurzurlaub im verlotterten Seebad New Brighton, Merseyside: Fastfood-Junkies, die ihre unförmigen Körper an vermüllten Kais der Sonne aussetzten, um später den Daheimgebliebenen einen krebsroten Beleg ihrer Urlaubsfreude vorzeigen zu können. Igitt! Und doch irgendwie schön. Knallbunt und künstlich, an Gemälde der Pop-Art erinnernd. Parr erreicht diesen Effekt, weil er mit billigen Amateurfilmen und Blitzlicht fotografiert – auch bei Sonnenschein. „The Last Resort“ und weitere Werkgruppen sind jetzt in einer „Assorted Cocktail“ genannten Ausstellung bei C/O Berlin zu sehen. Es ist die erste Gesamtschau der Farbbilder Martin Parrs in Berlin. Sein Faible für die Ästhetik des Hässlichen, Billigen, Vulgären hat übrigens dazu geführt, dass seine Aufnahme in die renommierte Foto-Agentur „Magnum“ nur gegen erheblichen Widerstand möglich war. Auch der Agentur-Gründer und Säulenheilige der distinguierten Schwarzweiß-Fotografie, Henri Cartier-Bresson, soll entschieden dagegen gewesen sein. Nicht jeder verfügt über die Gabe der Ironie.Jens Müller

C/O Berlin im Postfuhramt, Sa 15. 12. bis So 2. 3., tägl. 11-20 Uhr, 5 €, erm. 4 €, So 16.12., 15 Uhr: Lecture mit Martin Parr und Christoph Ribbat

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