Fotojournalist Ara Güler im Interview : „Ich erkläre nicht. Ich sehe“

Ara Güler, der Altmeister der türkischen Fotografie, ist eine lebende Legende. Nun widmet das Willy-Brandt-Haus dem 86-Jährigen eine umfassende Retrospektive. Ein Gespräch.

Peter Sötje
Geschichten erzählen mit der Kamera. Ara Gülers Straßenszene aus Istanbul stammt aus dem Jahr 1958.
Geschichten erzählen mit der Kamera. Ara Gülers Straßenszene aus Istanbul stammt aus dem Jahr 1958.Foto: Ara Güler/Freundeskreis Willy-Brandt-Haus

Ara Güler, 1928 in Istanbul geboren, ist einer der herausragenden, vielfach preisgekrönten Fotojournalisten des 20. Jahrhunderts. Der Türke armenischer Herkunft arbeitete in den 50er und 60er Jahren für „Time Life“, „Paris Match“, den „Stern“ und die Fotoagentur „Magnum“. Heute werden seine Bilder weltweit ausgestellt. Neben Reportagen und Fotoessays aus aller Welt sowie Porträts von Personen der Zeitgeschichte ist Istanbul Gülers überragendes Thema. Orhan Pamuk nennt ihn „das Auge Istanbuls“. Das Willy-Brandt-Haus zeigt bis 15. Januar eine große Ara-Güler-Retrospektive (Dienstag bis Sonntag 12 bis 18 Uhr, Eintritt frei. Ausweis erforderlich. Katalog bei Nicolai: 216 S., 22 €).

Herr Güler, was erwarten Sie von der Ausstellung im Berliner Willy-Brandt-Haus?
Es ist meine erste Retrospektive in Deutschland, mit weit über 200 Fotografien, darunter Bilder, die nie zuvor öffentlich gezeigt wurden. Ich hoffe, die Ausstellung wird auch für die türkischen Migranten interessant sein, viele Fotos sind auch Teil ihres visuellen Gedächtnisses.

Bedeutet Ihnen Willy Brandt etwas?
Ich erinnere mich gut an ihn. Er hat sich den deutschen Verbrechen, dem Genozid, gestellt. Sein Kniefall im ehemaligen Warschauer Ghetto ist mir sehr präsent. Ich freue mich, dass meine Bilder in „seinem“ Haus zu Gast sind.

Ihre Werke werden oft als die eines Künstlers verstanden. Warum wollen Sie nicht gerne als Künstler bezeichnet zu werden?
Ich bin einfach ein Fotojournalist, mein Job ist der eines Chronisten. Kunst schafft Neues. Ich halte fest, was ist. Fotojournalismus kann man nicht lernen, aber es geht besser, wenn man den Künstlern über die Schulter guckt und versteht, wie sie komponieren. Wie alle Künste kann auch die künstlerische Fotografie durch ihren Genius und ihre Imagination unsere Anschauung der Welt erweitern. Oft geht es dabei aber darum, die Realität zu vernichten, um innere Welten sichtbar zu machen. Kunst folgt also anderen Kriterien als meine Arbeit.

Es heißt, Sie hätten eines Tages einfach auf den Auslöser gedrückt und seien so zu „dem“ Ara Güler geworden. Gab es andere Einflüsse?
Ich bin Autodidakt. Aber natürlich wurde mein fotografisches Auge beeinflusst. In jungen Jahren habe ich Kurzgeschichten geschrieben und in den USA sogar Preise dafür gewonnen. Noch heute erzähle ich mit der Kamera Geschichten. Ich habe mich immer im Theater herumgetrieben, es wurde zu meinem zweiten Zuhause, meiner zweiten Schule. Am Kino war ich ebenfalls interessiert; auch ich stehe ja hinter der Kamera. Ich bin nicht der Mensch, der den Wald sieht, wenn er einen Baum anschaut, aber der sein Grün sieht, seinen Duft riecht und fühlt, dass er lebt.

Sie haben unter anderem Pablo Picasso, Marc Chagall, Salvador Dalí, Maria Callas, Elia Kazan und Man Ray fotografiert, auch Winston Churchill, Bertrand Russell oder Hitchcock. Welchen Stellenwert haben Ihre Porträts für Sie?
Ich liebe meine Künstlerporträts! Sie sind eine Erinnerung an Begegnungen mit besonderen Menschen. Mit Picasso verbrachte ich vier Tage in seinem Haus in Frankreich. Bevor ich ging, wollte er eine Zeichnung von mir machen. Aber er fand kein unbemaltes Stück Papier. Ein Künstler wie er und kein Papier im Haus! So riss er einfach eine weiße Seite aus einem Buch und begann zu zeichnen. Oder Salvador Dalí. Als ich in seinem Pariser Appartement eintraf, begann er sofort, sich in Pose zu setzen. Er nahm einen großen Vorhang vom Fenster, hüllte sich darin ein und verwandelte sich in einen Matador.

Ara Güler: Das Auge Istanbuls
Straßenszene, Istanbul, 1958Alle Bilder anzeigen
1 von 6Foto: © Ara Güler
20.10.2014 09:07Wie kein anderer hat Ara Güler seit den fünfziger Jahren das Straßenleben, den Trubel der Großstadt und das Alltagsleben der...

Wolken spielen in Ihren Bildern oft eine Rolle, sie verändern ständig ihre Gestalt: Arbeiten Sie spontan oder arrangiert?
Ich arrangiere meine Fotos niemals. Ich halte fest, was ich sehe. Aber nichts ist nur zufällig. Wolken sind ein wesentlicher Teil der Komposition, wenn ich draußen arbeite. Aber am wichtigsten sind mir immer die Menschen. Ohne sie würde ich nicht fotografieren. Nicht das Gebäude, das ich fotografiere, ist wichtig, sondern der Mensch, der an ihm vorbeiläuft.

Welche Bedeutung haben Ihre Bilder von Istanbul für seine Bewohner?
Fotografie hat eine intime Beziehung zu Aktualität und Vergangenheit. Fotos können eine mystische Kraft entfalten und etwas in Erinnerung rufen, was wir längst vergessen hatten. Bei ihrem Anblick werden Ereignisse, Menschen und Dinge wieder lebendig, die im Nebel der Vergangenheit verschwunden schienen. Das alte Istanbul ist weitgehend zerstört. Aber wer Augen hat, kann in meinen Bildern sehen, was das Wesen dieser sehr alten Stadt ausmacht. Ich erkläre die Welt nicht, ich sehe. Viele Betrachter sehnen sich in die Zeit meiner Bilder zurück, auch wenn sie sie niemals erlebt haben.

Ara Güler, 86, zuhause in Istanbul.
Ara Güler, 86, zuhause in Istanbul.Foto: privat

Ihre Türkei-Fotos sind meistens schwarzweiß, warum eigentlich?
Eine meiner ersten Reportagen machte ich 1952 für eine Zeitung über armenische Fischer in Kumkapi an der Marmaraküste von Istanbul. In Schwarz-Weiß. Die damalige Technik erlaubte noch keine Farbbilder in der Zeitung. In den sechziger Jahren hörte ich, dass das Dorf durch den Bau einer Küstenstraße zerstört werden sollte. Diese Dörfer waren 500 Jahre alt, aus der Zeit Mehmeds des Eroberers! Ich machte mich sofort auf den Weg, diesmal fotografierte ich in Farbe und mit avancierter Technik. Viele Jahre später suchte ich die Bilder im Archiv für eine Publikation. Sie waren rotstichig und nicht mehr zu gebrauchen. Also sind meine armenischen Fischer in Schwarz-Weiß ins visuelle Gedächtnis eingegangen.

Welchen Fotografen Ihrer Generation fühlen Sie sich besonders verbunden?
Ich kenne Sie alle. Viele waren und sind meine Freunde. Eugene Smith ist für mich der bedeutendste Fotojournalist. Henri Cartier-Bresson war ein guter Freund. Wenn die Fähigkeit, Geschichte mit der Kamera zu erzählen, einen guten Fotojournalisten ausmacht, dann war Henri der beste von uns allen. Edward Weston, Sebastião Salgado, Marc Riboud, Josef Koudelka, die deutschen Kollegen Thomas Hoepker und Robert Lebeck ....

Und was bedeutet Ihnen Ihre armenische Herkunft?
Ich bin ein Türke mit armenischen Wurzeln. Die kulturellen, religiösen und ethnischen Minderheiten haben dieses Land geprägt. Sie machen die Türkei zu dem Land, das es ist. Manche armenische Türken mögen mich nicht, da ich nicht zu ihren Treffen und Plätzen gehe. Ich bin ein internationaler, kosmopolitischer Mensch, ich bin also auch ein Japaner. Beinahe alle meine Freunde sind Europäer. Ich lebe in der Welt.

Aber Istanbul blieb dennoch stets Ihr zentrales Thema.
Weil ich hier lebe. Ich war nahezu überall, aber hier kenne ich mich aus. Ein Mensch lebt mit den Souvenirs seines Lebens, ich habe kein anderes. Ich mag die Katzen, die Vögel, dies ist mein Land, meine Stadt. Meine Freunde und Lieben sind hier.

Wenn Sie zurückblicken auf Ihr Leben und Ihre Karriere: Was zählt wirklich?
Für mich gibt es keine Fotografie ohne Mitgefühl für die Menschen. Ohne Menschenliebe wäre mein Werk sinnlos.

Das Gespräch führte Peter Sötje.

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