Kultur : Fotokunst: Väter und Enkel

Michaela Nolte

Bis weit in die siebziger Jahre hallte es nach: Walker Evans Diktum, die Farbe in der Fotografie sei vulgär, und so stießen Ausstellungen des Museums of Modern Art mit Pionieren wie William Eggleston und Stephen Shore auf harsche Ablehnung. Als Rudolf Kicken Anfang der achtziger Jahre in seiner Kölner Galerie "American Color Photography" zeigte, hatten sich die Wogen der Kritik zwar geglättet, doch die Resonanz blieb verhalten. Allein Bernd und Hilla Blechen interessierten sich für den revolutionären, farbigen Fokus und präsentierten die Arbeiten ihren Studenten. Der Rest ist Geschichte - und die Wurzeln der jungen "German Photography" lesen sich in Kickens aktueller Schau "Revisited: Aspects of American Color Photography" wie in einem offenen Buch.

Man muss kein Schelm sein, wenn man bei Neal Slavins humoriger Massenstudie "New York Public City Library" (10 000 Mark) an Andreas Gursky denkt oder in Stephen Shores Perspektive eines abseitigen Amerikas Vorläufer der Stadtansichten von Thomas Struth entdeckt. Die Lichtbilder der ersten Generation leben aus der unprätentiösen Verquickung von sachlicher Dokumentation und einem wie beiläufig einfließenden subjektiven Blick. Der Verzicht auf spektakuläre Sujets oder überdimensionale Formate verleiht den Arbeiten eine eindringliche Ruhe, die ihre Meisterschaft ausmacht und gleichsam zum Spiegel einer verlorenen Zeit wird. Während die apokalyptischen Landschaften von Joel Sternfeld oder Richard Misrachs Wüstenbilder durch ihr pures, natürliches Kolorit bestechen, steigert Eggleston dessen Ausdrucksqualität im roten Innenraum "Greenwood, Mississippi" und im "Green Bathroom, Memphis" (64 000 Mark) zum klirrenden Leuchten, das im Proustschen Sinne "nicht nur mit den Augen, sondern gleichzeitig mit dem Gedächtnis zu betrachten" ist. Stephen Shores eindrücklichste Bilder sind die eines ausgeträumten "American Dream". Der 1947 geborene New Yorker, der als Hoffotograf der Warhol-Factory bekannt wurde, verleiht selbst den entlegensten Tankstellen einen luziden Geschmack von Freiheit und Abenteuer, was dank der kompositorischen Klarheit nie zum Klischee verflacht.

Einen Kontrast zu den neuen Klassikern der Fotokunst bietet die Galerie Diehl Vorderwuelbecke mit "Tell it like it is". Was Kickens "Vätern" gänzlich fehlt, nämlich der weibliche Aspekt, zum Beispiel einer Helen Levitt, ist hier in geballter Form präsent: 13 Fotografinnen der künstlerischen Enkelgeneration. Eine spezifisch weibliche Lesart kann man bisweilen entdecken - muss man aber nicht. Fatimah Tuggar versetzt Frauen ihrer afrikanischen Heimat in eine surreale Szenerie, deren poppige Werbeästhetik zunächst irritierend grell und ornamental überladen wirkt. Doch wer in die kuriose Verschachtelung aus modernen Mythen und archaischen Riten einsteigt, wandelt tänzerisch durch eine Welt zwischen den Kontinenten. In ihrer künstlerischen Eigenwilligkeit sperren sich die poetischen Menschenbildnisse der Norwegerin Mette Tronvoll (je 7500 Mark) jeglicher Gender-Klassifizierung. Der explizit weibliche Blick einer Madeleine Berkhemer erscheint hingegen recht kraftlos. Denkt man an den "Erotic Maniac" Nobuyoshi Araki, wirken die Fesselungs-Künste der Holländerin so körperfremd, dass sie gerade an die Fadenspiele kleiner Mädchen erinnern.

Der mittlerweile nicht nur in Familienalben zu Tode fotografierte Strand findet sich in beiden Ausstellungen: Joel Meyerowitz zeigt bei Kicken mit "Gold Storage Beach, Truro" von 1976 (10 000 Mark) eine der wohl schönsten Aufnahmen dieses Motives. Das kleine Panorama erzielt im gleichmäßigen Weißblau und dem extrem tiefen Horizont eine kosmische Weite. Die junge Schwedin Maria Friberg verdichtet den Strand in "Trinity" (12 500 Mark) zu einem hermetischen Raum. Mit der extrem schrägen Aufsicht auf zwei junge Männer gewinnt das Foto skulpturale Qualitäten und verweist weit über das Sichtbare hinaus.

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