Kultur : Fracksausen

Tiere sehen dich an: der Dokumentarfilm „Die Reise der Pinguine“ und das Geheimnis seines Erfolgs

Christiane Peitz

Der Weg vom Meer zum Brutplatz ist weit, über 100 Kilometer lang. Am Meer gibt es keine geschützte Stelle, an der die Kaiserpinguine vor den Stürmen am Südpol sicher wären. Also laufen sie, wochenlang. Ein atemberaubend schöner Anblick: Mitten in der gleißenden Eiswüste, im ewigen Weiß, bewegen sich Hunderte von schwarzen Silhouetten auf dem Packeis: eine Mönchsprozession – die Karawane der Pinguine.

Der französische Biologe und Tierdokumentarist Luc Jacquet ist der Magie dieses Anblicks erlegen. Ein Jahr, so erzählt er in Berlin, lebte sein kleines Team in der Antarktis, trotzte Eisstürmen und der monatelangen Polarnacht, weil er unbedingt von dieser Prozession erzählen wollte: davon, wie sich die Kaiserpinguine unter widrigsten Umständen paaren. Aber es sollte kein Dokumentarfilm werden, sondern ein Spielfilm. Eine Lovestory: „Die Reise der Pinguine“ ist ein Melodram von Vatermutterkind, eine Legende vom Widerstand und der Strapaze des Überlebens in der unwirtlichsten Gegend der Welt.

Der melancholische Adel der Tiere ist mit irrwitziger Komik gepaart. Pinguine, diese Vögel ohne Flügel, sind blitzschnelle Schwimmer, aber sie laufen langsam und schlecht. Schritt für Schritt watscheln sie auf glattem Untergrund, rutschen aus, schliddern ein paar Meter auf dem Bauch, wuchten sich bei der nächsten Anhöhe hoch, rutschen zurück, fallen hin, kommen kaum vorwärts. Choreografie der Vergeblichkeit. Und alles wegen eines einzigen zerbrechlichen Eis.

Luc Jacquet betrieb einen ähnlichen Aufwand. Er schrieb ein Drehbuch, wartete geduldig, bis die Akteure ihm die passenden Szenen lieferten, montierte die Story aus 120 Stunden Filmmaterial und stattete seine „Schauspieler“ mit Menschenstimmen aus. Papa seufzt, Mama schmachtet, Kind friert: ganz schön kitschig. Der eisblumige Soundtrack sorgt für weitere Überzuckerung: Disneys „Bambi“ wirkt cool dagegen.

„Ich habe mir das nicht ausgedacht“, pariert der Regisseur die Kritik am anthropomorphisierenden Kalkül der Bilder. „Die Kaiserpinguine flirten tatsächlich, sind unglaublich liebevoll, kämpfen gemeinsam, teilen alles und sind einander ein Jahr lang treu. Das ist keine Frage unserer Wahrnehmung, es ist ihre Art.“ Ihre Geschichte sei ohnehin wie ein Theaterstück. „Es ist alles da, das Leben, der Tod, die Spannung, das Unerwartete.“ Etwa, dass die Liebenden einander am Gesang wiedererkennen: im Stimmengewirr unter Tausenden von Artgenossen. Menschen können das nicht.

Aber können Pinguine wirklich lieben? In den USA, wo Jacquets gefiederte Helden den Hollywoodstars die Show stahlen und der Film nach Michael Moores „Fahrenheit 9/11“ zu den erfolgreichsten Dokumentationen aller Zeiten zählt, hat die Frage sogar Leitartikler beschäftigt. Nicht nur, weil der Kassenschlager wie schon „Mikrokosmos“ und „Nomaden der Lüfte“ einmal mehr die Fauna vermenschlicht. Sondern, weil beim genetischen Code der Pinguine – Kitsch hin oder her – irgendwie doch etwas anderes als die pure Vernunft der Natur im Spiel sein muss, wenn die Tiere nach der Wahnsinnswanderung am Brutplatz mit ihrem herzerweichenden Liebesspiel beginnen.

Das ist erst der Anfang: Das Ei darf keine Kälte abbekommen, deshalb wird es unter dem Fell auf den Füßen ausgebrütet, bei Eisstürmen mit bis zu 150 Stundenkilometern Windgeschwindigkeit. Und dann, es ist der bewegendste Moment des Films (und war die komplizierteste Szene beim Dreh und der Montage), muss das Ei in einer hochgefährlichen Prozedur von den Füßen des Weibchens auf die Füße des Männchens bugsiert werden. Wenn es aufs Eis fällt, erfriert der Nachwuchs oder das Ei zerbricht und alles war umsonst. So oder so muss das hungernde Weibchen dringend zurück zu den Fischen ans Meer, während sich die brütenden, weitere Wochen fastenden Männchen im Pulk zusammenrotten. Nur als Kolonie können sie überleben. Und wehe, das Weibchen kommt mit der Nahrung für den Nachwuchs zu spät.

Was für ein Gemeinschaftssinn! Diese Opferbereitschaft! Die Monogamie! Der eherne Fortpflanzungswille! Das Kindchenschema greift: Die menschliche Physiognomie der Pinguine erlaubt es dem Zuschauer, die eigenen Bedürfnisse in sie hinein zu fantasieren. Während sich Feministinnen in Singapur über die filmische Unterstützung alleinerziehender Eltern freuen und Naturwissenschaftler in der „New York Times“ die Macht der Gefühle im Tierreich entdecken, hat „Die Reise der Pinguine“ in den USA auch unter extremen Konservativen und Lebensschützern viele Fans gefunden. Vielleicht liegt’s an Morgan Freemans gottväterlicher Erzählerstimme in der US-Version: Prediger vergleichen die Pinguin-Prozession mit dem Auszug der Israeliten aus Ägypten, andere sprechen vom Heiligen Geist, der die Tiere mit sicherem Instinkt immer wieder an dieselbe Brutstätte zurückführe. Ein religiöser Kritiker spricht sogar vom Gottesbeweis: Das Überleben ihrer Art widerlege Darwin. Nun hat sich Regisseur Jacquet auf der Titelseite der „Le Monde“ gegen die fundamentalistische Vereinnahmung der Tiere verwahrt: „Den Film religiös zu deuten wäre so, als würde man ‚Superman’ nach Verteidigungsstrategien analysieren.“

Was Darwin betrifft, fragt man sich allerdings schon, warum die Natur den Pinguinen nicht bessere Laufwerkzeuge angedeihen ließ, wenn ihre Existenz doch ausgerechnet von Fußmärschen abhängt. Kameramann Jérôme Maison verteidigt im Gespräch die vermeintliche Unlogik der Natur: „Mit längeren Füßen könnte der Kaiserpinguin nicht so gut schwimmen, er verbringt nun einmal 70 Prozent seines Lebens im Wasser. Für die restlichen 30 Prozent ist er zwar schlecht ausgestattet, aber mit längeren Füßen würde er auf dem Land mehr frieren und könnte das Ei nicht so gut balancieren.“ Aber wieso hat der Gott der Tiere den Pinguinen dann nicht eine höhere Bauchtasche verpasst, wie etwa den Kängurus? Ein lässliches Detail, findet Maison. Schließlich sind Pinguine ungeheuer ökonomische Tiere. Fast vier Monate kommen sie ohne Nahrung aus, und ihr geniales Wärmeaustauschsystem erlaubt ihnen, ihre Körpertemperatur den extremen Minusgraden der Antarktis anzupassen. Ein wahres Wunder der Natur; Menschen können da einpacken.

Das heißt, nicht ganz: Schließlich hat auch das Team die Polarnacht bei minus 40 Grad überstanden. „Man zählt die Tage nicht mehr“, erläutert Jérôme Maison die Adaptionsfähigkeit des Menschen. „Man schläft viel, schaut nicht mehr auf die Uhr, und das Herz schlägt langsamer.“ Bleiben die technischen Herausforderungen: die Kunst, eine Kamera im Eissturm ruhig zu stellen und in der Dunkelheit ohne Scheinwerfer zu filmen. Künstliches Licht hält der Pinguin für einen zweiten Mond und verliert prompt die Orientierung.

Praktisch war für Maison und seinen Ko-Kameramann Laurent Chalet dagegen die mangelnde Scheu der Kaiserpinguine. Da sie nie von Menschen gejagt wurden, näherten die Tiere sich dem Team ohne Hemmungen und inspizierten neugierig die Kamera. Was dann auch wieder unpraktisch war: „Man kann ja“, so Maison, „nicht wütend werden, wenn sie einfach ins Bild laufen.“

Pinguine sind seltsame Schauspieler: Sie sehen alle gleich aus. Und so bildet die Kolonie im antarktischen Adélie gemeinsam die eine kleine Filmfamilie für „Die Reise der Pinguine“. „3000 Paare spielen eine Liebesgeschichte“, sagt Luc Jacquet. „Man konstruiert eine Lüge, um die Wirklichkeit zeigen zu können. Das ist das Geheimnis des Kinos.“ Der Erfolg des Films und die politische Debatte um ihn zeigen auch: Pinguine, diese traurigen Clowns im Karneval der Tiere, sind mehr als nur die ideale Projektionsfläche für humane Sehnsüchte. Sie sind die besseren Menschen. Zu gerne wären wir wie sie: so zäh und so zärtlich.

Ab Donnerstag in 26 Berliner Kinos. OmU im Cinema Paris, OmenglU im Cinestar Sony-Center

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