Kultur : Fräulein Diskjockey

Bodo Mrozek

Eine typische Saisonware ist das Wunder. Adventszeit, Zeit der Wunder. Nicht nur in der Bibel, auch auf der Leinwand, im Fernsehen, allüberall haben die Wunder Konjunktur. Das Wunder von Bern, wunderbare Geschichten über Feen, Elfen und Zauberer und phantastische Reisen in die Welt von Pyramiden und Maya-Tempeln – es muss mit Dunkelheit und Kälte zu tun haben. Mag sein, dass der in der Luft liegende Glühweinduft zusätzlich halluzinogene Wirkung entfaltet. Auch im Nachtleben rückt man zusammen, gerade in den so genannten Single-Städten. Kleine, blinkende Weihnachtsbäume vom Typ Truckerglück gelten an Tanzflächen und DJ-Kanzeln nicht mehr als Peinlichkeit.

Einen eher selten gewordenen Wunderbegriff wärmt heute Abend ein DJ-Team auf wie einen Bratapfel: den des Fräuleinwunders. Die Dame, für die man dieses Wort erfand, ist heute fast vergessen. Fräulein Susanne Erichsen (1925-2002) war ein Mannequin und wurde 1950 Miss Germany. Als Botschafterin der deutschen Mode räumte sie in den USA mit dem Vorurteil auf, die Krauts trügen nur Feldgrau und Braun. So entstand die Rede vom Fräuleinwunder, dem der Feminismus schließlich den Garaus machte. Darauf folgte das Kino- und das Autowunder und schließlich das Wirtschaftswunder, aber das ist längst Geschichte. Warum also ein DJ-Team mit dem Namen Froileinwunder Deluxe heute im King-Kong-Klub (Brunnenstr. 173, Mitte) ausgerechnet die bei sehr jungen Menschen beliebten Musikstile Indie-Rock-Elektrotrash auflegt, ist ein bisschen wunderlich. Was steckt dahinter? Die Sehnsucht nach einem neuen Wirtschaftswunder? Oder gar eine ästhetisch-moralische Wende? Man wird sich ja mal wundern dürfen.

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