Kultur : Fräulein Ego

In Michel van der Aas Oper „One“ ringt eine Frau mit ihrem Ebenbild

Ulrich Pollmann

Eine Frau blickt in den Spiegel. Sie hat kurz Kontakt zu sich, verliert ihn wieder, sieht ihre Geschichte aus dem Blickwinkel anderer. Zerrissen in Alter und Ego, entkoppeln sich die Ebenen der Persönlichkeit, driften auseinander. Das Zerbrechen ist ein Hauptthema des jungen niederländischen Komponisten Michel van der Aa, auch ein Symbol dafür hat er gefunden: den brechenden Ast. Das Bersten, immer wieder sieht und hört man es in seinen Arbeiten als Metapher für den plötzlichen Umbruch vom Schönen ins Hässliche, vom Lyrischen in Verletzlichkeit.

So auch in „One“, einer Kammeroper für Sopran, Video und Soundtrack, die nun im Rahmen der Berliner Festspiele als deutsche Erstaufführung zu sehen ist. Die Oper ist Baustein eines vierteiligen Zyklus, der von Identität, von Anpassung, Eingeschlossenheit und Freisetzung des Individuums handelt. Van der Aa denkt in seinen Werken immer theatralisch, auch in seinen Instrumentalkompositionen. Seine musikalischen Vorlieben trieb van der Aa als Student der Tontechnik am Royal Conservatory in Den Haag bereits so weit voran, dass er im anschließenden Kompositionsstudium vom Einfluss seiner Lehrer frei blieb. Der Minimal-Music-Einschlag der Haager Schule hat wenig Spuren hinterlassen.

Lustig sprudelnde harmonische Patterns sind van der Aa fremd, nicht jedoch die Neigung zur Strenge, zum reduzierten musikalischen Material. Er ordnet alles seiner ursprünglichen Idee unter, weicht ihr niemals aus. Wobei sich der Einsatz multimedialer Mittel für die dramatische Konzeption seiner Werke nahezu anbietet. Um hier nicht modisch zu dilettieren, hat er im vergangenen Jahr Filmregie an der New York Film Academy studiert und danach das Video für „One“ produziert.

Das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine fasziniert van der Aa wegen der Spannung, die einen Musiker erfüllt, wenn er sich auf der Bühne zu Video und Tonband exakt synchronisieren muss. Mensch und Maschine, das ist für ihn eine Metapher für das Sich-und-anderen-ausgeliefert-Sein. So agiert Barbara Hannigan, die Sängerin und Hauptakteurin in „One“, im Videospiegel mit sich selbst, führt Gesten und Gesangslinien fort, die ihr Gegenüber eingeleitet hat. Immer schneller muss sie reagieren in dem Bemühen, sich selbst zu erfassen.

„One“, Haus der Festspiele (Schaperstr. 24, Wilmersdorf) am 10. und 12.10. , 20 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben