Kultur : Frag mich was Schwereres

Die Tauben sind müde: das erste Leipziger Dokfilmfestival unter Claas Danielsen

Silvia Hallensleben

„Oh, da, ein Schwan!“, sagt die Stimme des Regisseurs aus dem Off – und dann schwenkt die Kamera auch schon aus dem Autofenster auf den Vogel, der dazu ansetzt, die Odergrenze gen Polen zu überfliegen. Dabei ist das Filmteam gerade dabei, einen deutschen Grenzschützer in einem Geländewagen des Grenzschutzes zur Situation zu befragen.

Die kleine Szene zeigt aufs Schönste das Besondere des dokumentarischen Blicks, der sich aus dem geplanten Szenarium ins Unbekannte öffnet. Sie stammt aus Volker Koepps Nachwendestudie „Sammelsurium – ein ostelbischer Kulturfilm“ (1991/92), soeben auf dem Leipziger Dokumentarfilm-Festival wieder zu besichtigen. Dem ehemaligen Defa- Dokumentaristen, der mit „Herr Zwilling und Frau Zuckermann“ zu einem Protagonisten des neuen deutschen Dokumentarfilm-Erwachens wurde, war dieses Jahr die Retrospektive gewidmet. Eine höchstlebendige Reihe, initiiert noch von dem letztes Jahr in den Ruhestand verabschiedeten Fred Gehler, der das Festival als „Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm“ erfolgreich in der Nachwendewelt verankerte.

Neuer Festivalleiter ist nach längeren Personalquerelen seit April Claas Danielsen, der auch die Geschäftsführung übernommen hat. Der Enddreißiger, auch Leiter des Münchner Discovery Talent Campus, gibt sich so traditionsbewusst wie erneuerungsfreudig, hatte in seiner kurzen Amtszeit aber bisher wenig Chancen, eine eigene Handschrift zu demonstrieren. Die finanzielle Sicherung des Festivals hatte Priorität. Inhaltlich wird es Danielsen nicht leicht haben, gegenüber dem profilierten Vorgänger zu bestehen – das ließ schon ein peinlich zum Kitsch missratener Eröffnungsauftritt ahnen, mit dem er das Festival als „the heart of documentary“ neu definieren wollte.

Auch manch andere vollmundige Selbstanpreisung erzeugt Irritation. Da wird etwa der neu eingeführte deutsche Wettbewerb als „definitiver Überblick über die besten nationalen Produktionen“ angezeigt. Definitiv? In einem Genre, wo nicht Antworten, sondern Fragen im Mittelpunkt stehen sollten?

Noch unangenehmer wird es, wenn dann auch die Programmrealität der Reihe hinter dem eitlen Prädikat zurückbleibt. Denn neben sehenswerten Produktionen wie dem preisgekrönten originellen Doppel-Stadtporträt „Berlin Beirut“ von Myrna Maakaron fand sich hier auch viel Mittelmäßiges, ja, Banales versammelt. Auch im Internationalen Wettbewerb fehlt vielen Filmen die leidenschaftliche Entdeckerlust und Ausdruckskraft, die sich etwa in den Beiträgen der Retro finden ließ.

Zu viele Filme lassen sich auf ihre Geschichten reduzieren – ein Thema, Protagonisten, die es verkörpern, eine Kamera, die ihnen folgt. Das geschieht mal unbeholfen, mal knallhart fernsehformatiert wie bei Christian Bauers „The Ritchie Boys“, der den Lebenserfahrungen emigrierter jüdischer Deutscher nachspürt, die als Soldaten der US-Army nach Europa zurückkehrten. Und doch ist das spannende Sujet mit bewegenden Schicksale so flach und einfallslos erzählt, wie wir es aus Hunderten von Fernsehfilmen kennen.

So ist es nicht erstaunlich, wenn mit Thomas Riedelsheimers opulenter Sinnesreise „Touch the Sound“ jener Film die Goldene Taube gewonnen hat, der als einziger im Wettbewerb mit Lust die Möglichkeiten des großen Kinos auskostet, um Unsichtbares in den Kinosaal zu bringen – nichts Geringeres als den Klang der Welt, wahrgenommen durch den Körper der Perkussionistin Evelyn Glennie, die ihr Gehör als Kind verloren hat und dann den ganzen Körper zum Hörorgan entwickelte. Der Film des schon mit „Rivers and Tides“ erfolgreichen Regisseurs, der am 4. November regulär ins Kino kommt, wird seinen Weg auch so machen. Verdient ist der Erfolg trotzdem.

Auch Katharina Peters Videotagebuch „Am seidenen Faden“, der ex aequo mit der herzzerreißenden US-koreanischen Porträtstudie „And thereafter“ (Regie: Hosup Lee) die Silberne Taube erhielt, ist in seiner radikalen Intimität sicherlich nicht jedermanns Geschmack, hebt sich aber durch Eigensinn und Mut von vielen anderen Produktionen ab. Die Autorin verfolgt das eigene Seelenleben während der Krankheitsgeschichte ihres Ehemanns, der in jungen Jahren einem Schlaganfall erlebt. Während die verbalen Überlegungen der Autorin dabei oft hausbacken daherkommen, erstaunt sie in einigen Traumsequenzen mit brillanter visueller Präzision.

Auch die Kurzfilmtaube ging mit „Across the Border“ an einen richtigen Filmfilm, wie man es beim Privatfernsehen nennen würde. Einen Filmfilmfilmfilmfilm besser, denn die „Fünf Ansichten vom Nachbarn“ sind eine zum Langfilm kompilierte Serie von kurzen Stücken zum Thema Grenze, die zeigen, dass sich auch einem gesetzten Thema Originalität abringen lässt. Aus Polen, Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Slowenien kommen die Filmemacher – und es ist faszinierend, wie sehr die einzelnen Handschriften nationaltypischen Stilvorlieben entsprechen: von stiller Beobachtung (Pawel Lozinski, Polen) bis zu Jan Gogolas tschechisch verschmitztem Possenspiel. Einen Schwan gibt es dabei zwar nicht zu sehen; überraschende Momente aber jede Menge.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben