Kultur : Fragile Figuren

Hermann Blumenthal bei Wolfgang Werner

Michael Zajonz

Den Bildhauer Hermann Blumenthal umweht der Nimbus des früh Vollendeten. Der in der Silvesternacht 1905 / 06 geborene Wahlberliner fiel als Soldat 1942 in Russland. „Heute weiß ich: Sein Leben ist kein Fragment gewesen“, resümiert 1949 Blumenthals Freund und Ateliernachbar, der Maler Werner Heldt. Blumenthal selbst wusste es besser. Wenige Tage vor seinem Tod schrieb der Bildhauer an seine Frau: „Heute bin ich weiter. Ich könnte viele überraschen.“

Blumenthals bildhauerisches Oeuvre ist überschaubar. Eine wunderbare Ausstellung im Georg-Kolbe-Museum stellt seine plastischen Menschenbilder derzeit in den Kontext der Zeitgenossen (Tagesspiegel vom 16. Februar). Der Kunsthandel Wolfgang Werner widmet sich – erstmals in dieser Intensität – parallel dazu dem direkten Vergleich zwischen Blumenthals Skulpturen und Zeichnungen. Über 300 Blätter erhielten sich im zeichnerischen Nachlass, der inzwischen weitgehend vom Kolbe-Museum übernommen worden ist. Für Werners Ausstellung musste der ungeordnete Gesamtbestand gesichtet und auseinander dividiert werden. Dem Bremer Händler verbleibt nur ein kleines verkäufliches Konvolut früher Blätter.

Die Mühe hat sich dennoch gelohnt: Mit 44 Zeichnungen und 18 posthumen Bronzegüssen – Skulpturen und Reliefs – kann Werner den Künstler pointierter präsentieren, als es der Museumsausstellung möglich ist. Und die Zusammenschau beider Gattungen ergibt dennoch den ganzen Bildhauer, der in dieser Zeit am Beginn einer hoffnungsvollen Karriere stand.

Blumenthal unterschied, wie viele seiner Bildhauerkollegen, als Zeichner zwischen Ideenskizzen zur Vorbereitung von Skulpturen und freien Arbeiten. Beiden gemeinsam ist das Bemühen, einen menschlichen, meist unbekleidet wiedergegebenen Körper als plastisches Ereignis aus sich heraus zu definieren. Auf illusionistisches Beiwerk verzichtet der Künstler. Nichts soll von der Figur und ihrer Gestik ablenken.

In den bis 1930 entstandenen Arbeiten hat sich Blumenthal noch nicht ganz vom Lehrer Edwin Scharff gelöst. Doch mit wenigen Strichen evoziert er schon hier Volumina, die sich in der fertigen Skulptur tatsächlich energetisch spannen und dehnen. Zu seinem typischen, Körper und Raum verspannenden Figurenstil findet er Mitte der Dreißigerjahre. Zeichnung wie Skulptur charakterisiert fortan jener eigenartige Schwebezustand zwischen fester, knapper Form und elegischer Stimmung.

Frühe Zeichnungen kosten bei Werner zwischen 1600 und 3200 Euro, ein skulpturaler Geniestreich wie der „Sitzende mit Tuch (Campagnahirt)“ von 1937 (Auflage 15) wird mit 48 000 Euro beziffert, der „Große Sinnende“ von 1929 / 30 (Auflage 5) markiert mit 150 000 Euro den Höchstpreis. Doch diese Preisregion ist eine Ausnahme: Blumenthal bleibt, wie die meisten deutschen Bildhauer der ersten Jahrhunderthälfte, trotz seiner Bedeutung im unteren Preissegment.

Kunsthandel Wolfgang Werner, Fasanenstraße 72, bis 29. April; Katalog 10 Euro.

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