Kultur : Fragmente zum Wohnen

Sabine Hornig zeigt Skulpturen bei Barbara Thumm

Christiane Meixner

Der Spagat ist ihr erstaunlich lange geglückt. Ganze zwei Jahre pendelte Barbara Thumm zwischen der angestammten Galerie in Mitte und ihrer Kreuzberger Dependance, um an beiden Adressen ein spannendes Programm mit Christian Hoischen, Elke Krystufek oder Valérie Favre zu machen. Bis sie merkte, dass sie sich selbst zur größten Konkurrenz geworden ist: Der neue Raum hat das vitalere Umfeld und mit den ansässigen Galerien auch die bessere Nachbarschaft. Die Ausstellungen in der Dircksenstraße waren schlicht schlechter besucht.

Thumms Konsequenz: ein Komplettumzug. Am neuen Standort in der Markgrafenstraße gab es weitere freie Räume, die die Galeristin vom Berliner Architekturbüro planH hat umbauen lassen. Ein großzügiges Entree und ein einladendes Büro gehören zu den Details, die einem als Erstes auffallen. Für die Kunst muss man in den hinteren Bereich der kleinen Halle gehen, die über ein Spitzdach verfügt und deshalb entfernt an ein Haus erinnert. Abstrakt ist diese Parallele und dennoch so eindrücklich, dass sich die Künstler der Galerie sehr wohl damit auseinandersetzen müssen.

Den Anfang macht Sabine Hornig mit drei großen Skulpturen (38 000-45 000 Euro), die nahezu perfekt für das Debüt der Architektur sind. Auch wenn die Schau den Titel „Die Dinge ziehen sich zurück“ trägt: Die Arbeiten der Berliner Künstlerin zeigen das exakte Gegenteil. Groß und mächtig stehen sie im Raum. Fordernd, weil die Skulpturen aus ganz ähnlichen Elementen gemacht sind wie der Umraum. Stahl und Glas, Rahmen und Fensterbank. Konkret und vertraut wirkt alles, was Sabine Hornig verwendet. Ein Basisvokabular der Architektur. Bloß die Ergebnisse sind alles andere als wohnliche Quartiere. An ihre Stelle rücken funktionslose, vieldeutige Installationen, die mit den Elementen spielen.

Da erinnert ein mächtiger Klotz aus Stahl ebenso an einen Lüftungsschacht wie an modernistische Fensterbänder. Eine Skulptur aus transparenten Flächen, die Hornig mit freistehenden Wänden kombiniert, ruft Gedanken an ein Ladenlokal wach – das allerdings kein Dach besitzt. Trotz der Schwere der einzelnen Elemente ist klar, dass die Skulptur keine feste Form besitzt, sondern jederzeit umarrangiert werden kann. Transformation ist das Stichwort, und wer für die Idee vom steten Übergang noch einen Hinweis braucht, der schaut sich die großen, mit durchsichtigen Fotografien überzogenen Gläser beider Werke genauer an.

Das eine zeigt einen Hügel ausrangierter Computer, auf den die Künstlerin in Griechenland gestoßen ist. Ein Schuttberg aus Hardware, die eben noch nützlich und wertvoll war, nun aber überflüssige Wegwerfware ist. Die andere Aufnahme thematisiert, was Sabine Hornig seit Jahren beschäftigt: die Möglichkeit, mehrere räumliche Ebenen in einem Bild zusammenzubringen. Mit der Fotografie eines Schaufensters, das im bestimmten Winkel die Durchsicht ermöglicht und zugleich jene Straße spiegelt, auf der der Fotograf steht.

Diese Durchlässigkeit von innen und außen funktioniert nur in bestimmten Momenten. Der menschliche Körper, der sich durch den Raum bewegt und immer wieder neu in Bezug zu den Installationen setzt, ist Hornigs fundamentales Instrument. Ihn kombiniert die Künstlerin mit ihren Skulpturen, die zum Spiegel der Wahrnehmung werden.

Galerie Barbara Thumm, Markgrafenstr. 68; bis 28.11., Di-Sa 11-18 Uhr.

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