Francesco Piemontesi beim Klavierfestival : Schwelgen in der Gegenwart

Virtuose Ausbrüche: Der junge Pianist Francesco Piemontesi spielt beim Berliner Klavierfestival Mozart und ein Stück des Berliner Komponisten Maximilian Schnaus.

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Wahlberliner. Der Pianist Francesco Piemontesi.
Wahlberliner. Der Pianist Francesco Piemontesi.Foto: Benjamin Ealovega

Kultiviert, feinsinnig und technisch brillant – so kündigt das Berliner Klavierfestival den jungen Pianisten Francesco Piemontesi an. Und hat damit nicht zu viel versprochen, denn all dies löst der aus Locarno stammende Wahlberliner in Mozarts C-Dur-Sonate KV 330 ein, mit der er seinen Auftritt im Kammermusiksaal des Konzerthauses eröffnet: Fein getupfte melodische Passagen, eine vielfältige Dynamik, farbige Bässe und gut beobachtete harmonische Details kennzeichnen sein Spiel, das bei alledem doch nie Gefahr läuft, buntscheckig zu werden. Und doch macht sich ein Manko bemerkbar: Die Sprachlichkeit dieser Musik, ihren rhetorischen Charakter, der von manchen Interpreten der historischen Aufführungspraxis durchaus auch mal übertrieben wird, vernachlässigt Piemontesi.

Was bei der motivischen Vielfalt der Mozartsonate noch durchgehen mag, wird bei der großen späten A-Dur Sonate D 959 von Schubert zum Problem. Deren Beginn fehlt es syntaktisch an Akzentuierung, es wirkt, als lese man einen klassischen Text plötzlich in konsequenter Kleinschreibung. Stimmiger wird das Bild im weiteren Satzverlauf, wenn sich die rechte Hand frei über flächigen repetierten Achteln bewegen kann. Viel kann Piemontesi allein durch Differenzierung in der Lautstärke wettmachen, zumal ihm seine Fähigkeit zu einem kultivierten Fortissimo ermöglicht, mit großer dynamischer Bandbreite zu arbeiten. Als Effekte und zugleich als Kompensationsstrategie erscheinen die virtuosen Ausbrüche und formsprengenden Generalpausen, die Piemontesi wirkungsvoll in Szene setzt.

Lust am Fortissimo

In sich stimmiger sind letztlich seine Liszt-Interpretationen: wenn er klangsinnlich den Tönen der Genfer Glocken nachspürt oder in „St. François de Paule marchant sur les flots“ ein packendes Meerbild mit peitschenden Böen und dunklen Strudeln malt. Seiner überzeugenden Lust an markantem Fortissimo und entfesseltem, farblich nuanciertem Schwelgen in den höchsten und tiefsten Registern kann er auch bei „piece (soundscape)“ nachgehen, das ihm der Berliner Komponist Maximilian Schnaus auf den Leib geschrieben hat. Vielleicht liegt sogar in der Gegenwart sein größtes Potenzial.

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