Francesco Rosi : Meister des Mafia-Films

Der Goldene Ehrenbär wird in diesem Jahr dem italienischen Regisseur Francesco Rosi ("Wer erschoss Salvatore G.?") für sein Lebenswerk verliehen. In der Berlinale-Sparte Hommage laufen seine Filme.

Frank Noack
Francesco Rosi
Meister des Mafia-Films: Francesco Rosi.Foto: dpa

Wie schnell doch aus den Enkeln Großväter werden: Regisseure wie Eric Rohmer, Andrzej Wajda und Francesco Rosi, die noch immer für das junge, moderne Kino der sechziger Jahre stehen, gehören mittlerweile selbst – rein biologisch betrachtet – zu den Dinosauriern. Rosi, der im vergangenen November seinen 85. Geburtstag gefeiert hat, begann seine Laufbahn bereits 1947 als Luchino Viscontis Regieassistent und debütierte 1958 – eher unauffällig – als Filmregisseur. Der Durchbruch gelang ihm 1962 auf der Berlinale, wo ihm der Preis für die beste Regie zuerkannt wurde: „Wer erschoss Salvatore G.?“ war ein, wie man heute sagen würde, Dokudrama und setzte Maßstäbe mit seinem nüchternen Blick auf den Protagonisten Salvatore Giuliano, von dem nie so recht klar wird, ob er ein Freiheitskämpfer oder skrupelloser Bandit war.

Danach blieb Rosi rund zwanzig Jahre lang ein angesehener Filmemacher, der allerdings zwischen den Stühlen saß: zu eigenwillig, um sich dem Kommerzkino zu verschreiben; nicht eigenwillig genug, um sich als Institution wie Federico Fellini oder Pier Paolo Pasolini zu etablieren. Seine Spezialität wurde der unterkühlte Mafiathriller, der weniger auf Action als auf soziale Genauigkeit und die Ausleuchtung politischer Hintergründe setzt. „Der Fall Mattei“ (1972) und „Lucky Luciano“ (1973), jeweils mit Gian Maria Volonté in der Titelrolle, sind die Prototypen quotenträchtiger Fernsehkrimis wie „Allein gegen die Mafia“ und „Donna Leon“, nur mit dem Unterschied, dass Rosi es seinem Publikum schwerer gemacht hat. Er bevorzugte eine elliptische Erzählweise, hielt nichts von offen politischer Agitation und bot keine einfachen Lösungen.

Dass ihn der Berlinale-Katalog als „Meister des engagierten Kinos“ anpreist, ist angebracht – und doch irreführend. Denn Rosi war zu sehr Künstler, um sich auf ein politisches Programm festzulegen. Seine „Drei Brüder“ (1981), die nach dem Tod der Mutter in ihr Heimatdorf zurückkehren, sind ein Richter im Kampf gegen den Terrorismus, ein mit straffälligen Jugendlichen arbeitender Lehrer und ein linksradikaler Arbeiter. Rosi nimmt ihre jeweiligen Positionen ernst, ohne sie gegeneinander auszuspielen. Danach verlegte er sich, um nicht in eine künstlerische Sackgasse zu geraten, auf stilisierte, opernhafte Filme wie „Carmen“ (1984) und die GarcíaMárquez-Verfilmung „Chronik eines angekündigten Todes“ (1987). Erst das Nach-dem-Holocaust-Drama „Die Atempause“ nach einem Roman von Primo Levi (1997) stellte seinen guten Ruf wieder her. Weitere Projekte sind nicht angekündigt, aber auch nicht ausgeschlossen.

Die große Entdeckung im Rahmen der Hommage ist das Frühwerk „I magliari“ (1959), das in Deutschland den unseriösen Titel „Auf St. Pauli ist der Teufel los“ verpasst bekam. Rosi porträtiert eine Gruppe von Gastarbeitern, die in Hannover und Hamburg ihr Glück versuchen. Es ist immer interessant zu beobachten, wie ausländische Regisseure Deutschland wahrnehmen, aber sehenswert ist der Film in erster Linie wegen Belinda Lee als deutschem Luxusweibchen, dem ein naiver italienischer Arbeiter (gespielt von Renato Salvatori) verfällt. Lee war eine der aufregendsten Frauen im Kino der fünfziger Jahre, mit ähnlichen Wangenknochen wie Keira Knightley, wenn auch sonst nicht gerade knochig. Weil sie zu viele schlechte Filme gedreht hat, bevor sie 1961 bei einem Autounfall starb, ist sie in Vergessenheit geraten. Ausgerechnet der Männer-Regisseur Rosi hat ihr ein Denkmal gesetzt.

Ein weiteres, viel zu wenig gewürdigtes Talent Rosis war sein Umgang mit Architektur und Räumen. Insgesamt 13 Filme weisen ihn als vielseitig begabten Künstler aus, den man nicht auf Schlagworte wie Neorealismus oder Politthriller reduzieren kann. Frank Noack

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