Kultur : Frank Darabont mit einem Stoff von Stephen King

Ralph Geisenhanslüke

Blues auf den Schultern - Gegen die Todesstrafe und mit Tom Hanks in der HauptrolleRalph Geisenhanslüke

"Meine Bücher sind das literarische Äquivalent eines Big Mac mit einer großen Portion Pommes", sagt er von sich. Aber das macht auch satt. Stephen King gilt als der bestverdienende Autor der Gegenwart. Schreib-Blockaden scheinen ihm fremd - ebenso wie die bittere Armut, der er entronnen ist. Noch Anfang der siebziger Jahre lebte er als arbeitsloser Lehrer mit seiner Frau in einem Wohnwagen in Hermon/Maine. Eine Gegend, die nach seinen Worten "nicht der Arsch des Universums sein mag, aber höchstens einen Furz davon entfernt."

Sein Debüt "Carrie", 1974, dürfte Kings Ernärungsgewohnheiten schlagartig verbessert haben und seitdem es von Brian DePalma, verfilmt wurde, schreibt der "King of Horror" beinah direkt auf die Leinwand. Über 70 Bücher, Sammelbände inklusive, hat er veröffentlicht, gut 50 davon wurden verfilmt. Mit King kann man nicht viel falsch machen, aber kann man mit ihm - wie seit Stanley Kubricks "Shining" selten - auch etwas Gutes schaffen?

Regisseur Frank Darabont würde diese Frage sicher ohne Vorbehalt bejahen. Schon seine erste King-Adaption wurde für sieben Oscars nominiert: Das Gefängnis-Drama "Shawshank Redemption" ("Die Verurteilten") kam ohne übersinnlichen Schnickschnack aus und wurde für seine moralische Tiefe allenthalben respektiert. Fünf Jahre Pause hat sich Daranbont seitdem gegönnt. Nun kommt er erneut mit einem Stoff von Stephen King ins Kino. Wieder spielt die Geschichte im Gefängnis. Diesmal mit übersinnlichem Schnickschnack.

"The Green Mile" ist ein Todestrakt im Tennessee der dreißiger Jahre. Grün das Lineolium des Fußbodens, verwahrloste barfüßige Kerle seine Insassen. Es ist die Zeit der Depression. Entwurzelte Menschen ziehen durchs Land und marodieren da und dort. Der brave Bürger ist froh, dass es "Old Sparkey" gibt, den Elektrischen Stuhl. Tom Hanks, der all american guy, der als "Forrest Gump" durch die Geschichte stolperte, mit "Apollo 13" zum Mond flog und als "Private Ryan" nachträglich in der Normandie landete - er spielt Paul Edgecomb, den Leiter dieses Zellenblocks. Muss Hanks nun auch noch zur Todestrafe eine letztgültige cineastische Antwort geben? Wir haben Zeit, uns das in Ruhe anzusehen. In drei Kammerspiel-artigen Stunden lernen wir ihn und seine Kollegen kennen wie eine Familie: vom kleinen Sadisten - ein Neffe des Gouverneurs - bis zum Direktor, der vor Gram vergeht, weil seine Frau durch einen Hirn-Tumor im Wahn dahin dämmert.

Auch Edgecomb geht es nicht besonders gut. Tom Hanks gebührt das erste Lob für die überaus glaubwürdige Darstellung eines Leidens an den ableitenden Harnwegen. Das zweite für die Darstellung der Einsamkeit, die das Geschäft mit dem Tod ihm aufbürdet. Rechte vorlesen, "Gott sei seiner Seele gnädig" sagen, den Befehl für das Umlegen des Hebels geben, manchmal mehrfach - und dann dem Arzt ein Zeichen geben, damit er den Tod feststellt. Ein ehernes und zermürbendes Ritual, das den Ausführenden nicht einen Hauch Genugtuung verschaffen kann.

Spätestens hier ist der Einwand berechtigt: Hanks spielt den Guten, aber tut er nicht trotzdem das Böse? Die Tatsache allein, dass Wärter Edgecomb die Deliquenten respektvoll behandelt, ist noch keine Auseinandersetzung mit der Todesstrafe. Aber - und das ist das Erstaunliche an diesem Film - sie folgt. Und zwar keineswegs auf die republikanische Art und auch nicht mit den bekannten Argumenten.

Auftritt Michael Duncan Clarke. 140 Kilo Muskeln, verteilt auf 1,95 Meter. Ein Berg von einem schwarzen Mann. Das Drehbuch verlangt eigentlich 2,10 Meter, deshalb hält die Kamera eine merkwürdige Distanz zu den anderen Darstellern. Clarke spielt einen Todeskandidaten, der angeblich zwei Mädchen vergewaltigt und getötet hat. Sein Anwalt sagt Negern und Hunden sollte man nicht trauen. Die Eltern, das Volk - sie wollen ihn schmoren sehen. Ausgerechnet dieses furchteinflößende Wesen hat Angst im Dunkeln. Edgecomb lässt das Licht für ihn brennen.

Coffey wird so etwas wie ein schwarzer Jesus, ein Nigger of the world. Er verfügt nur magische Heilkräfte, mit denen er Menschen ihre Krankheiten entzieht und als eine Art Fantasy-Konfetti wieder abhustet. Die Birnen brennen durch, wenn er seine Kräfte mobilisiert. Doch wenn die tektonischen Verschiebungen in Michael Duncan Clarkes Gesicht einsetzen, scheint der Ur-Blues der ganzen Welt auf seinen breiten Schultern zu lasten. Das Datum seiner Hinrichtung nennt er seinen Unabhängigkeitstag. Und einen Priester will er erst recht nicht. Den braucht er ebenso wenig, wie Stephen King einen benötigte, als er dieses ungewöhnliche Pladoyer gegen die Todesstrafe schrieb und auf die bekannten Standpunkte weitgehend verzichtete. Ohne die magische Ebene wäre "The Green Mile" nur ein weiterer bleierner Dreistünder.In Berlin in 20 Kinos und Kinocentren

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