Kultur : Frank O. Gehry hat in Düsseldorf eine Gedichtzeile zu einem Bürokomplex geformt

Ulrich Deuter

In Berlin baut er an erster Adresse. In Düsseldorf dort, wo - nicht zuletzt durch seinen Bau - eine erste Adresse entsteht: Der Architekt Frank O. Gehry, dessen Bankgebäude am Pariser Platz noch ein paar Monate auf seine Fertigstellung warten muss, hat nun am Rhein die Einweihung seines Bürobauwerks am Neuen Zollhof gefeiert. Womit ein Areal seine erste städtebauliche Vollendung erfährt, das bis vor 15 Jahren noch als Hafen- und Lagergelände die architektonisch in sich geschlossene Altstadt südlich verriegelte, aber bereits in den 70er Jahren wirtschaftlich bedeutungslos geworden war. Mit dem neuen nordrhein-westfälischen Landtag (1988) als Bindeglied ist dort in wenigen Jahren der Stolz der Landeshauptstadt gewachsen, die "Medienmeile". Hinter dem riesigen Glaskörper des "Torhauses" - unter anderem Sitz der Staatskanzlei - tummeln sich nun die Kreativen der Mode-, Werbe- und Kommunikationsbranche. Und sie tun dies in einem Ensemble ausgesuchter Bauten aus der Hand internationaler Star-Architekten von David Chipperfield bis Claude Vasconi, von Joe Coenen bis Fuminiko Maki. Mit der Gebäude-Trias Frank O. Gehrys hat das Areal nun sein Glanzlicht erhalten.

Unmittelbar über dem Wasser des Yachthafens erheben sich drei Gebilde, deren Beschreibung so unmöglich ist, wie ihre Errichtung es beinahe geworden wäre: Ein wie ein Bergkristall sich schief und kantig empor wuchtendes Gedränge aus unterschiedlich hohen Stümpfen, rot verklinkert bis über die Dachflächen hin, und ein weißes, wie in einem Zerrspiegel in die Höhe trudelndes, gerundetes Gegenstück nehmen ein drittes, kleineres in die Mitte, das an Schiefheit und Flatterhaftigkeit alles übertrifft und in dessen Fassade aus verbeulten Edelstahlschindeln sich das rote und weiße Geschwister schlierenhaft spiegeln.

Es ist die gebaute Gedichtzeile: "Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut". Allen drei Häusern ist gemeinsam, dass aus ihren in immer neue Richtungen aufbrechenden Wandkrümmungen die Fenster eckig herausstechen: Sie stehen in jedem Fall senkrecht und im spitzen Winkel zum Wandverlauf. Was so wirkt, als würden Kuchenförmchen in Teig gedrückt oder als dränge sich etwas Kristallines von innen durch eine organische Haut. Doch hier ist kein rechtwinkliges Gerüst lediglich wild verkleidet worden. Alle drei Gebäude - die beiden äußeren zwölf und 14, das mittlere sieben Stockwerke hoch - hatten aus Betriebskostengründen massiv aus Beton zu sein. Wie das zu machen sein sollte, wusste allerdings anfangs weder das ausführende Architektenbüro Beucker-Maschlanka noch die Baufirma Philipp Holzmann AG. Denn die doppelt gekrümmten Freiformflächen aus Gehrys Entwurf waren nicht mathematisch beschreib- und in Aufrissen nicht darstellbar. So etwas war aus Stahl zu formen, aber nicht aus Beton. In einem der Automobil- und Flugzeugindustrie entliehenen Verfahren wurden schließlich die Fassaden rechnerisch in Hunderte, je verschiedene Einzelteile zerlegt und in eine computergesteuerte Fräse eingespeist, die die Formen alsdann aus Styroporblöcken sägte, die als Schalungsformen dienten. Die Innenräume der schwankenden Gebäude hingegen sind vergleichsweise konvontionell geschnitten - auf Wunsch der Nutzer, wie Gehry betont. 180 Millionen Mark hat der Komplex gekostet.

Der meist als Dekonstruktivist bezeichnete, 1929 geborene kalifornische Architekt Gehry ist ein Visionär einstürzender Neubauten. Sein Vitra-Museum in Weil am Rhein etwa ist ein Haufen fröhlich ineinander verhakter Kuben, sein Opus maximum, das Guggenheim-Museum in Bilbao, eine Kolossalkaskade unbekümmert auftrumpfender Großformen zwischen Blatt und Fisch. Sein Zollhofkomplex, vor allem dessen mittleres Haus, aber ist zart wie frisch geschlüpft, man möchte glauben, der Faltenwurf seiner Vor- und Rücksprünge entknittere sich noch. Nicht nur eine Mischung aus Architektur und Skulptur ist hier gelungen, sondern eine aus Architektur und Bühnenbild.

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