Kultur : Frank Steffel: Was normal ist

Gibt es in der Berliner Presse eine nennenswerte Stimme, die dem CDU-Kandidaten Frank Steffel das dumme Zeug vorwirft, das er mit 15 oder 17 Jahren gesagt oder getan hat? Nein. 15- oder 17-Jährige reden manchmal dummes Zeug, dazu haben sie ein Recht, so stand es in vielen Kommentaren. Generell gilt: Menschen verändern sich. Wenn jemand sich um ein Amt bewirbt, dann lautet die entscheidende Frage: Wie ist er heute? Wie er vor 20 Jahren war oder in 20 Jahren möglicherweise sein wird, ist weit weniger bedeutsam.

Deswegen irrt die "Frankfurter Allgemeine", wenn sie der - selbstverständlich "provinziellen" - Berliner Presse vorwirft, dass sie Steffel unfair behandele. Es geht niemandem um den 15-jährigen Steffel. Es geht um einen 35-Jährigen, der mit dem Anspruch antritt, die politisch-moralische Erneuerung seiner Partei zu verkörpern. Mit diesem 35-Jährigen hat ein Magazin ein Interview geführt. Steffel hat anschließend verbreiten lassen, bestimmte Passagen seien "frei erfunden". Das Magazin "Max" kann seine Version aber beweisen. Offenbar hat Steffel die Unwahrheit gesagt. Das ist nicht gut, vor allem bei einem, der politisch-moralische Erneuerung verkörpern möchte.

Es ist nicht verwerflich, auch die frühe Biografie eines Politikers zu recherchieren, sofern die Dinge richtig eingeordnet werden. Die relative Armut der Familie Schröder, die Einsamkeit des jungen Willy Brandt, Hitlerjugend, BDM bei anderen, solche Erfahrungen hinterlassen Spuren, und sei es der Wunsch, sich von der Vergangenheit zu distanzieren. Fragen darf man. Die Reporter fragten Steffel, ob er als Jugendlicher Türken als "Kanaken", Behinderte als "Mongos", Schwarze als "Bimbos" bezeichnet habe. Antwort: Dies seien Begriffe, die ein 15-Jähriger "ganz normal mal benutzt". Jetzt könne man "darüber streiten, darf der das, darf der das nicht...So sind nun mal Kinder." Und: "Ich war ein normaler junger Mensch." Hier spricht der 35-Jährige. Er hält es für normal. Junge Leute sind nun mal so. Das Wort "normal" kommt in seiner kurzen Rechtfertigung immerhin viermal vor.

Das ist der entscheidende Punkt. Junge Leute sind manchmal so, aber man darf es eben nicht hinnehmen. Die Jugendsünde kann - und muss - man dann abhaken, wenn die betroffene Person sie als Sünde auch wirklich begriffen hat. Das ist bei Steffel kaum zu erkennen. Nein, man kann eben nicht darüber streiten, ob man einen Behinderten einen "Mongo" nennen darf. Nicht im geringsten. Es darf auch auf keinen Fall als normal empfunden werden, wenn in Deutschland Schwarze als "Bimbos" beschimpft werden, egal von wem, außer im Sonderfall der Satire. Dem 15-Jährigen muss der 35-Jährige, der es besser weiß, nachträglich ins Wort fallen. Man nennt das Erziehung. Wenigstens die Erwachsenen sollten halbwegs wissen, was richtig und falsch ist, was normal sein muss und was nicht. Mut zur Erziehung! Wie heißt Frank Steffels Botschaft an die 15-jährigen Springerstiefel von heute? Ihr seid ganz normale junge Leute? So sind nun mal Kinder?

Über Steffels neuestes Problem hat übrigens kein Blatt aufwendiger und ausführlicher berichtet als die FAZ, allerdings auf ihren "Berliner Seiten". Was hat es zu bedeuten, wenn die eigenen Berliner Kollegen jetzt im Feuilleton der großen Mutter so ungewöhnlich scharf, wenn auch indirekt gerügt werden? Ist das ganz normal? Sind die in Frankfurt nun mal so? Schwer zu sagen, von hier aus. Aus der Berliner Provinz.

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