Kultur : Frank Stella: Hommage an einen fernen Stern

Klaus Hammer

1996 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Friedrich-Schiller-Universiät Jena. Als Dank stellte für die Gestaltung des Ernst-Abbe-Platzes in der Romantikerstadt fünf Skulpturen seiner "Hudson River Valley Series" zur Verfügung. Jetzt präsentieren die Jenoptik AG und das Kunsthistorische Seminar der Universität Jena erstmals zusammenhängend 38 seiner insgesamt neunzig kleinformatigen und monumentalen Bilder, Reliefs und Skulpturen zum Werk Heinrich von Kleists. In einem gigantischen Projekt hat Frank Stella zwischen 1995 und 2001 in ganzen Werkserien - "Love Letters", "Correspondence", "Essays and Journalism", "Anecdotes", "Quotations", "Novellas" und "Dramas" - als Entsprechungen zum Kleistschen Werk geschaffen.

"Mich beeindrucken bei Kleist die ungeheure Wucht der Sprache, das filmähnliche Tempo der Handlungen und das schwindelerregende Wechselspiel von Realität und Illusion", erläutert der Künstler, der sich von einem Mitbegründer des Minimalismus zu einem Maximalisten monumentaler Bildreliefs und Raumplastiken entwickelt hat. Dabei geht es ihm nicht um eine nacherzählende Illustration des Textes, um eine Umsetzung literarischer Motive in malerische Sujets, sondern um ein abstrakt-bildnerisches Äquivalent. Stella "übersetzt" Impulse und Erlebnisse des Kleistschen Werkes in assoziative Bilder aus Form und Farbe, die ihr eigenes emotionales und geistiges Leben entfalten.

Die einfachen Bildelemente sind bei Stella untereinander gleichwertig. Durch Symmetrie und Reihung dieser gleichwertigen Bildelemente gelangt er wie Pollock zu einer "All-over"-Struktur. In der Befreiung der Bildstruktur vom Format geht Stella aber über Pollock hinaus. Seine "shaped canvases", die auf einer vielfachen Kombination von gleichen Formen beruhen, haben nicht mehr Bild-, sondern Objektcharakter. Form und Farbe stehen zwar nicht mehr unmittelbar für Dinge, geben aber Hinweise geben, spiegeln Gefühlsregungen.

In seinen Skulpturen hat Stella vorgefundene Formen gegossen, montiert und mit Legierungen überschüttet. Gestänge, perforierte Metallfolien und Stahlbandknäuel füllen wie Draperien die Zwischenräume der Metallkörper, Höhlen geben Einblicke in die sperrigen Innenräume. Die Formen seiner technoid wie organoid anmutenden dreidimensionalen Werke scheinen in ihrer Fülle zu bersten. Hier spielen sich tumultuarische Gefühlswallungen und dramatische Konfliktkonstellationen ab. Durch Überschneidungen und Farbkontraste wird eine Raumillusion erzeugt, eine Vision aus Licht und Schatten, Volumen und Leere, Hülle und Kern, Bewegung und Ruhe, wie sie mit anderen Mitteln schon die Kunst des Manierismus und des Barock imaginierte.

Das Flächige der Gemälde wiederum hat Stella zugunsten einer stark in den Raum ausgreifenden Reliefhaftigkeit aufgebrochen. Der gestisch-spurenhafte Farbauftrag bringt anstelle von Eindeutigkeit Irritationen hervor. In einer Farbskala von Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau umfasst, erzeugen die leuchtenden Farbstreifen und -bänder ganz unterschiedliche Lichtvariationen, was den Effekt einer Vermischung der räumlichen Ebenen des Bildes hervorruft. Jedes "shaped canvas" existiert in vier Variationen, mit unterschiedlichen Farben, aber festgelegten Formen. Der Betrachter wird in ihren dynamischen Bildraum wie in ein Labyrinth hineingezogen. Mitunter glaubt man, Wesen wahrzunehmen, die eine merkwürdige Mischexistenz führen und den Eindruck des Fetischhaften erwecken. Dabei stellt sich die Frage, ob der Wille zu radikaler Objektivierung, aus dem die Eigenart des Bildes folgt, nicht am Ende einem ausschweifenden Subjektivismus beim Betrachten Vorschub leistet. Wenn Erscheinungsformen ständig wechseln, werden sie beliebig auslegbar.

Das aber widerspräche den Gestaltungsprinzipien Kleists, der Struktur seiner Stücke und Erzählungen. Kleists Texte beschwören eine emphatische Radikalität des Individuums, und so gleichen seine Erzählungen einer monologischen Epik: unerhörte Begebenheiten, nach Goethes Definition, Geschichten aus der Vergangenheit und aus fernen Ländern, oft wunschbiografisch unterlegt. In ihnen gibt es fließende Übergänge, doch keine überflüssigen Bilder und Zeichen, keine äußerlichen Turbulenzen wie bei Stella. So knapp aber der Autor im "Erdbeben in Chili" und in der "Verlobung in St. Domingo" das Geschehen zeichnet, so verkürzt lässt er die Liebenden ebenso vollkommene Bilder des Glücks in arkadischen Landschaften wie hereinbrechende Katastrophen und unbegreifliche Schicksalsfügungen erleben. An diese punktuellen Hinweise auf Landschaftsbilder und knappe Szenen knüpft Stella mit seinem Werk wiederum an.

Vielleicht ist es beim Betrachten der Arbeiten Stellas überhaupt sinnvoller, weniger nach konkreten Kleist-Bezügen zu suchen. Wie sollte das auch möglich sein, wenn nur datierte Briefe Kleists als Titel angegeben werden! Von den überladenen, vollgestopften Materialkompositionen des Amerikaners und ihrem lautstarken Kampf zwischen Flächigkeit und Körperhaftigkeit aber sind die Gefühle ablesbar: erfrischender Widerspruchsgeist und gierige Vitalität. Die Kunst entdeckt ihre Bestimmung nicht auf ideologischer Ebene, sondern in der Erschliessung eines Weges vom Gefühl zur Bedeutung - nicht für jeden, aber wenigstens für jenen, der den Versuch wagen will.

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