Kultur : Frank und vogelfrei?

Castorfs Volksbühne steckt in der Krise – und entdeckt „Groß und klein“ von Botho Strauß

Rüdiger Schaper

Heldendämmerung. Brutal, wie Joschka Fischer und Frank Castorf nebeneinanderher bergab gehen. Wie sie beide, vom Anarchisten zum König am Berliner Platz geworden, hier rudern und im Ausland groß reüssieren; bald bricht die Volksbühne nach Japan auf, man war zu Gastspielen in Israel und Südamerika. Sinkende Umfragewerte: Ewig schon war der grüne Außenminister Deutschlands beliebtester Politiker – und die Volksbühne über ein Jahrzehnt das wichtigste deutschsprachige Theater, unbestritten.

Castorf kämpft. Er ist der erste Diener seines Hauses, das starr wirkt wie noch nie. Wann hat das angefangen, was sich jetzt zur Krise auswächst? Was ist die Verfallszeit eines exemplarischen, Epoche machenden Ensembles, wann beginnt die Historisierung? Und jetzt spielt die Volksbühne „Groß und klein“ von Botho Strauß, einen westlichen Klassiker, uraufgeführt einst von Peter Stein und der Schaubühne – als diese, Ende der Siebzigerjahre, ebenso ihren Zenit erblickte. Noch eine harte Parallele. Theatergeschichte wiederholt sich immer als Tragödie, nicht als Farce. „Groß und klein“ mit der Götterbotin Lotte-Kotte unter den einsamen, gesichtlosen Menschen: damals mit Edith Clever, heute mit Kathrin Angerer. Ein notwendiger, ein schöner Kulturbruch. Lotte continua . . .

So eine Spielzeit, wie sie die Volksbühne augenblicklich durchleidet, wünscht man nicht seinem ärgsten Feind. Das Abenteuer Recklinghausen. Ruhrfestspiele: Fristlose Kündigung des Künstlerischen Leiters Castorf nach nur einer Saison. Eine herbe Niederlage, seine erste, egal wie man die Schuld verteilt. Dann kam Johan Simons, ein international erfolgreicher Regisseur; intelligent, stabil, keine Diva; ein Volksbühnentyp. Simons verzockte sich mit seiner Dostojewski-Nummer. Nächste Leidensstation: Christoph Marthaler, dem das Zürcher Debakel noch in den Knochen steckt, floh vor seinem Volksbühnen-Comeback nach Sizilien, um sich auszukurieren. Castorf übernahm in der Endphase die Regie bei der Katastrophe „Am Marterpfahl“, die auf einen obskuren Wildwest-Text von Heinrich von Gagern zurückgeht. Zuvor, finster-fröhlich, Castorfs Märchenexkurs mit Andersens „Schneekönigin“. Neues Pech lauerte schon in den Kulissen.

Nach einer ausgedehnten Weltreise – und der Aufgabe seiner Basler Schauspieldirektion – hatte sich der Regisseur Stefan Bachmann just die Volksbühne ausgesucht, um wieder am Theaterbetrieb anzudocken. Und warf das Handtuch. Kam mit Schauspielern nicht zurecht, die angeblich nur noch als Castorf-Schauspieler aufzutreten in der Lage sind. Böses Blut. Wieder muss der Intendant ran, die „Groß und klein“-Premiere retten.

Das sind so Pyrrhussiege. Sie nähren das schlimme Wort vom Übervater, der keine anderen Väter (und Söhne) neben sich duldet. Dabei verhält es sich umgekehrt: Castorf sucht starke Regisseure wie verrückt. Er findet sie nur nicht. Früher hat das glänzend funktioniert, mit Marthaler, Kresnik, Schlingensief. Der hat kürzlich, allerdings mit eigenen Leuten, an der Volksbühne einen sozialmedizinischen „Kunst und Gemüse“-Abend angerichtet; und ist prompt zum Theatertreffen eingeladen. Damit aber lässt sich kein Spielplan auffüllen. Auch nicht mit René Polleschs seriellen Sprechoperetten im Prater. Pollesch ist eine Kerze, die an zwei Enden brennt. Castorf schaut dabei zu. Ist er selbst auch ausgebrannt? Kann sein, was nicht sein darf?

Wenn einer so lange oben steht, dann gibt es viele, die ihn fallen sehen wollen. Das gehört zu den Marktgesetzen. Die entscheidende Frage wird sein, ob Castorf seine Intendanz noch einmal über das Jahr 2007 hinaus verlängert. Er zögerte schon bei der letzten Verhandlungsrunde. Man kann ihm vieles vorhalten, nur eines nicht: dass er an dem Haus festhält, das er vor gut zehn Jahren vor dem sicheren Ruin bewahrt hat. Es gibt hier keinen richtigen Augenblick zum Aufhören. Seinerzeit hieß das Motto, weil keiner an einen nachhaltigen Castorf-Erfolg glaubte: „In drei Jahren berühmt oder tot“. Heute ist zu bemerken: Das Ausmaß der Berühmtheit sorgt dafür, dass dieses Theater viele Tode sterben muss, um eines Tages mit sich und dem Rest der Welt fertig zu sein. Der Rosa-Luxemburg-Platz lässt sich mit keinem anderen in Berlin vergleichen, nicht mit dem Lehniner Platz, nicht mit dem Bertolt-Brecht-Platz. Zwar ist auch die Schaubühne auf Thomas Ostermeier und das Berliner Ensemble auf Claus Peymann zugeschnitten, aber nicht so radikal und letztgültig wie die Volksbühne auf Frank Castorf, Jahrgang 1951.

Henry Hübchen: zuletzt im Kino gesehen. Herbert Fritsch: nur noch sporadisch dabei. Es sind der Volksbühne auch die Heldendarsteller, die Alter Egos des Chefs, ein bisschen in die Jahre und abhanden gekommen. Und jetzt, bei Botho Strauß, muss es Kathrin Angerer wieder herausreißen. Vergessen wir einen Moment die Krise: Wie sie sich durchs Parkett drängelt, blonde Perücke, Sonnenbrille, russischer Akzent, wie sie sich an der Rampe (jetzt mit rheinischem Idiom) der Lotte-Kotte bemächtigt, ist hinreißend. Edith Clever vor einem Vierteljahrhundert war eine Vornehme, eine hohe Sängerin; wer sie erlebt hat damals, hört heute noch ihren Sirenenton. „Marokko, Wahnsinn“, unvergesslich.

Die Volksbühnen-Lotte stößt uns darauf, dass eine triste Pauschaltouristin nicht unbedingt nach Hölderlin klingen muss. Dem Botho-Strauß-Sound tut das Prollige gut. Man begreift, dass „Groß und klein“ im Grunde als zeitgenössische Version des Strindbergschen „Traumspiels“ gemeint war. Lotte-Kotte also wäre Indra, das himmlische Wesen, das auf diesem Planeten landet. Einmal schwebt Kathrin Angerer, mit Engelsgesicht, über den Schornsteinen, Minaretten, Leuchttürmen, Fernsehantennen. Sie bringt keine Erlösung, die Erdlinge (Bernhard Schütz, Michael Klobe, Laura Tonke, Susanne Düllmann, Jürgen Rothert, Brigitte Cuvelier, Annett Kruschke, Peter René Lüdicke) wollen auch von Seele und Heil nichts wissen. Ein misanthropischer Zug verbindet Strauß und Strindberg. In der leeren Welt stehen Häuschen wie Hundehütten (Bühne: Janina Audick). Sphärenklänge hängen in der Luft, und dann wieder Leichtes, Seichtes (Musik: Uwe Altmann). Und Morricone: Once upon a Time in the West.

Bald aber, nach dem großen Monolog, geht Lotte verloren. Lösen sich die streng gebauten Straußschen Szenen und Etappen konturlos auf. Botho Strauß (West) an der Volksbühne (Ost): Das hat die Zeit auch erledigt. Die Suche nach Gott: Ihn haben sie schon bei Dostojewski ausgiebigst nicht gefunden. Kann es sein, dass den Castorfianern nicht so sehr die Kräfte und die Regisseure dahinschwinden, sondern die großen Fragen ausgehen?

It’s better to burn out than to fade away. Dämmerung. Es kommt einem die alte Neil-Young-Hymne in den Sinn. My my, hey hey, Rock ’n’ Roll is here to stay. Eine Beruhigung, eine Drohung. Irgendwo zwischen Johnny Rotten und Joschka Fischer müssen wir Frank Castorf vermuten. Im Moment ist er nicht zu sehen.

„Groß und klein“ wieder am 9. 3.

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