Kultur : Frankfurt am Main soll leben (Kommentar)

Gregor Dotzauer

Es gibt nicht viele Gründe, freiwillig nach Frankfurt zu ziehen. Der Zoo zum Beispiel hat für Leute, die sonst nur Tauben streicheln, eine gewisse Attraktivität. Auch der Stadtteil Sachsenhausen hat etwas für jemanden, der die Düsseldorfer Kö noch nie gesehen hat. Sonst aber - nein, diesen Satz kann man nicht einmal zu Ende schreiben. Und für die meisten, die in Frankfurt leben, gilt: Sie kommen hier nicht weg. Etwas lähmend Apfelweiniges liegt in der Luft, und mit der Zeit tritt ein Effekt ein, den man in einem der zahllosen Ebbelwoi-Lokale testen kann: Man trinkt einen Schoppen und merkt nichts. Man trinkt einen zweiten und merkt noch immer nichts. Man trinkt einen dritten - und wird über das Ausbleiben einer Wirkung so wütend, dass man so schnell wie möglich raus will aus der Kneipe. Doch da versagen die Beine ihren Dienst.

Wenn Elisabeth Schweeger, die österreichische Chefdramaturgin des Münchner Residenztheaters und Leiterin des Marstalls, der Experimentierbühne im Bayerischen Staatsschauspiel, nach langem Personal-Hickhack im Herbst 2001 als Schauspielchefin nach Frankfurt kommt (nur der Magistrat muss nächsten Freitag noch zustimmen), will sie auch ein wenig, weil sie muss. Sie gibt auf im aufgeräumten München, kurz nachdem ihr Chef Eberhard Witt den Bettel hingeschmissen hat, und kurz bevor Dieter Dorn von den Kammerspielen übernimmt.

Schön einsam wird es sein in Frankfurt. Denn was hat die Stadt zu bieten? Sie hat eine gar nicht so schlechte Zeitung, die "FAZ", die lieber in Berlin beheimatet wäre. Einen berühmten philosophischen Emeritus, Jürgen Habermas, der in Starnberg wohnt. Einen Allround-Künstler, Robert Gernhardt, der zur Zeit im hauptstädtischen Wissenschaftskolleg weilt. Einen Ballettchef, William Forsythe, der mindestens so sehr in Paris zu Hause ist, wo es rive droite und rive gauche gibt und nicht nur ein hibbdebach und dribbdebach wie in dem Dorf am Main. Kino? Forget it. Der einst lebendige Jazzkeller? Darnieder. Und der "Schmiere", dem "schlechtesten Theater der Welt" (Eigenwerbung) mit altlinken Sketchen, macht seit Jahren das Schauspiel Konkurrenz. Der Stadt kann also nichts Besseres passieren, als von einer zeitweise überdrehten Österreicherin mit wildem Schopf heimgesucht zu werden, die mit ihren 45 Jahren noch eine Menge von Pop, Performance und zeitgenössischen Konzepten versteht. Die Wüste soll leben - Frankfurt auch.

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