Kultur : Frankfurt I: Pack schlägt sich

Ruth Fühner

Götterdämmerung in der Puppenstube? Walhall, Nibelheim und Menschenwelt, übereinandergestapelt und aneinandergeklebt - ein einziges Haus? Die Lizenz zum sacrificium intellectus hat sich die Mannschaft des TAT vorsorglich selber ausgestellt. "Mythos Kindheit" heißt der Ringelpietz der Veranstaltungen, den Tom Kühnels garantiert wagnerfreier "Ring des Nibelungen" sich einreiht; bewusst hat der Dramaturg Bernd Stegemann auch die kommende Experimenta 7 als "Jugendtreffen" etikettiert.

Das alte, seit elf Jahren tote Frankfurter Festival wurde wiederbeatmet, als die Einladungen zum diesjährigen Berliner Theatertreffen durchdrangen. Zu viele alte Meister, befand man am TAT und schloss sich flugs mit einer Reihe befreundeter Theatermacher (darunter Thomas Ostermeier, Stefan Bachmann und Tom Stromberg) zusammen, die nun mit ihren Lieblingsinszenierungen anreisen und den ganzen Mai zur Party machen werden.

Eine Atempause nicht gerade für die schlanke TAT-Besetzung, aber trotzdem ein Traum: ein Traum von den alten Zeiten, da noch keine Verantwortung auf den schmalen Schultern lastete, Zeiten, als man den jungen Theatermachern die Häuser in Frankfurt, Berlin, Basel oder Hamburg förmlich aufdrängte, mit denen sie sich jetzt abrackern - mehr gescholten als gepriesen.

Frankfurt kann ein Kinderfest, das Lust macht auf Theater, gut gebrauchen. Gerade jetzt, wo das greise Schauspiel des Peter "Lear" Eschberg seinen nicht enden wollenden Abschied nimmt. Nur wenige Höhepunkte werden da in Erinnerung bleiben. Darunter der "Don Karlos" von Jens Daniel Herzog - dem Mann, der Eschbergs Nachfolger hätte werden können, wäre er nicht anderweitig gebunden gewesen. Nun trägt die Götterdämmerung einen anderen Namen: Elisabeth Schweeger. Denn ganz egal, welche überraschenden Qualitäten die künftige Schauspiel-Intendantin entwickeln wird: Ihre Wahl war ein Fehlgriff, durchgesetzt von kopflosen Kommunalpolitikern, die sich mit Kriterienlosigkeit vor der halben Republik lächerlich gemacht hatten.

Mit dem Marstall Theater führte Elisabeth Schweeger in München eine Nischen-Existenz, am Rande einer prall mit klassischem Sprechtheater gefüllten Bühnenlandschaft. In Frankfurt aber ist zurzeit überhaupt nur noch Nische. Die Grenzübertritte zwischen den Künsten, für die zu Tom Strombergs Zeiten das TAT zuständig war, betreibt mit schöner Konsequenz und Entdeckungslust der Mousonturm. Hier hat die internationale Avantgarde und Post-Avantgarde ihren Platz, manchmal selbstverliebt, öfter aber den Blick befreiend. Durchaus mit entschlossenem Anschluss an die Generation der Sandkastenfreunde um Kühnel, Schuster, Stegemann vom neuen TAT, allerdings mit ganz anderen ästhetischen Mitteln.

Was Frankfurt also für sein Schauspielhaus bräuchte, ist nicht noch mehr Experiment, noch mehr vom Fetisch Jugend. Davon hat es genug. Was es nicht hat, ist ein solides Stadttheater. So anrüchig der Begriff inzwischen besetzt ist - angesichts der näheren Frankfurter Zukunft wird es Zeit, seine Ehrenrettung zu betreiben.

Gemeint ist nicht ein Spielplan, der am längst verstaubten Curriculum für die Oberstufe ausgerichtet ist - das war das Rezept, mit dem Peter Eschberg das Haus zu füllen versuchte. Gemeint ist eine Bühne, die das ererbte Repertoire auf der künstlerischen Höhe der Zeit befragt und die junge Dramatik auf ihre Gegenwärtigkeit hin abklopft. Die den erwachsenen Zugriff wagt, statt sich vor den Zumutungen der Mediengesellschaft ins Kinderzimmer zu flüchten oder sie ein weiteres Mal multimedial, cybernautisch oder simulierend zu überholen. Schon damit überhaupt ermessen werden kann, von welchem Zentrum aus eigentlich die jungen Exzentriker an TAT und Mousonturm agieren.

Die Chance ist erst mal verpasst. Doch da die Lage zwar hoffnungslos ist, aber nicht ernst, freut sich die Stadt auf die Experimenta 7. Und sei es nur, um auch mal wieder einem alten Traum nachzuhängen - dem von der Zeit, als die Kulturhauptstadt der Republik noch am Main lag.

0 Kommentare

Neuester Kommentar