Kultur : Frankfurt spielt verrückt

Frank Dietschreit

Mit der "Hermannsschlacht" geht das Kleist-Theater in die letzte Spielzeit. Ein Interview mit Intendant Manfred Weber.Frank Dietschreit

MANFRED WEBER ist seit 1995 Intendant des Kleist-Theaters Frankfurt (Oder). Davor hat der 1954 geborene Theatermacher in Bochum und Zürich, Köln und Wien als Dramaturg und Regisseur gearbeitet, in Tübingen von 1991-95 das Landestheater geleitet. Weber muss die Abwicklung seines Theaters betreiben. Ab Juli 2000 will die Kommune ihren Subventionsanteil von 5,4 auf 2,6 Millionen Mark reduzieren, über den Landeszuschuss ist noch nicht entschieden. Mit Manfred Weber sprach Frank Dietschreit.

Herr Weber, braucht Brandenburg noch Theater?

Die Frage ist, was für ein Theater. Nach dem Verständnis des Kulturministeriums sicherlich kein flächendeckendes Theater.

Gibt es Ideen für die Zeit nach der Theater-Schließung in Frankfurt?

Die Kleist-Stadt Frankfurt ist der Meinung, dass man kein Theater als Regiebetrieb mehr braucht, sondern dass man die nächsten zwei Jahre das Geld für freie Theaterprojekte und Gastspiele ausgibt. In das "Kleist Kultur und Kongress-Centrum" will man sich dann - endlich! - die großen Gastspiele holen. Eine Kritik war immer, ich würde einen zu intellektuellen Spielplan machen, und jetzt will man den richtigen Spielplan machen.

Frankfurt ist ja kein Einzelfall, auch in der Stadt Brandenburg und in Potsdam werden Theaterneubauten finanziert, die dazugehörigen Ensembles aber weitestgehend aufgelöst. Steht hinter dieser vermeintlichen Absurdität ein kulturpolitisches Konzept?

Ein Konzept gibt es nicht, nur die permanente Not knapper Kassen. Wobei man die in den Relationen auch nicht immer versteht. Bei den Orchestern ist man sehr bereit, auf politische Lobby und Wählerpotentiale Rücksicht zu nehmen.

Welches Kulturverständnis steht dahinter?

Wenn man da überhaupt von Kulturverständnis reden kann. Es gibt, was die Orchester betrifft, den Hang zum Repräsentieren.

Erklärt das allein jenes Übergewicht im Orchester-Bereich, das auch in dem vorgeschlagenen Fusionsmodell zum Ausdruck kommt?

Nein, es gibt auch rechtliche Gründe. Sie können leichter ein Schauspiel als ein Orchester abwickeln. Das liegt am Tarifvertrag für Orchestermusiker, der sieht fast beamtenrechtliche Absicherungen vor, da muss man bis in die Rentenansprüche zahlen.

Die finanzielle Misere hat also nicht nur mit dem Spielplan zu tun?

Man muss das Problem grundsätzlicher angehen und sich fragen, warum in den letzten Jahre über 8000 Menschen, also jeder zehnte, aus Frankfurt weggezogen sind. Da gibt es ja Gründe: Die hohe Arbeitslosigkeit, die enorme Vereinsamung, die Leute gehen immer mehr in eine Art von innerer Emigration. Wie steht es mit der Gesellschaft, die öffentlichen Diskurs und Begegnung nicht mehr erstrebenswert findet? Das ist ja eine der wichtigsten Aufgaben von Theater, ein Ort zu sein . . .

War Ihr Theater der Ort für solche Begegnungen und Diskurse?

Ja, wir haben dafür einen eigenen Spielort eröffnet, den Theaterbahnhof. Da spielen wir vor allem zeitgenössische Stücke, machen Ausstellungen, Parties, Lesungen, Filmprogramme für Jugendliche, erfüllen auch eine Funktion, die früher die Jugendclubs wahrgenommen haben. Da sind wir sehr gut angenommen worden.

Und wie ist es mit Ihrem Haupthaus?

Der Spielort an der Gerhart-Hauptmann-Straße liegt außerhalb der Stadt, das war ein ehemaliges Musikheim und ist in der DDR sukzessive umgebaut worden, ein Dauerprovisorium. Das ist sicherlich nicht repräsentativ und attraktiv genug für ein modernes Abendpublikum.

Insgesamt zu wenig Publikum: Braucht der sozialistisch sozialisierte Nachwende-Mensch keine Kultur oder braucht er eine andere, für die ein neuer Kulturbegriff vonnöten ist?

Ja, das glaube ich. Das ist eine Debatte, die die Theater noch zu führen haben. Wahrscheinlich ist unser Problem, dass wir zu lange an traditionellen Vorstellungen von Stadttheater festgehalten haben und von einem Publikum, das nach einem traditionellen Spielplan guckt. Wir hätten viel radikaler vorgehen müssen, wir hätten uns vieles auf der Komödienschiene ersparen können, weil das noch an etwas appelliert, das die Leute gar nicht mehr sehen wollen.

Ist in Brandenburg nur das Drei-Sparten-Theater gescheitert oder sind die Schließungs- und Fusionspläne Ausdruck eines tiefgreifenden Paradigmenwechsels in der Gesellschaft?

Was aus dem Apparat heraus reformfähig ist, haben wir versucht umzusetzen. Für mich, als aus dem Westen kommender Intendant, war es ein Projekt der Begegnung und nicht der Okkupation. Wenn man die Diskussion ernst nimmt, muss man über Theatererfahrung aus zwei Systemen reden. Die DDR hatte in ihren Bezirkshauptstädten Betriebe wegen ihrer vermeintlich politischen Bedeutung geschaffen, die nicht der Nachfrage entsprachen. Die Kulturleistung sollte außenpolitisch vorzeigbar sein. Fluktuationen bei den Machern, es sei denn, sie wechselten aus der Provinz nach Berlin, war eher selten. Im Westen war Theater immer Verabredung auf Zeit, eben solange die Chemie stimmte und es künstlerisch Funken schlug. Es wird gern gesagt, Theater ist die Krise, aber wenn dann die Konsequenz kommt, dass es eine Lebensform sein muss, die man nicht organisieren kann, ist die Risikobereitschaft im Osten nicht vorhanden. Das hat was mit Enttäuschung zu tun. Wenn die Gegenwart so unsicher geworden ist, dass man sich an nichts mehr festhalten kann, kehrt man zu alten Mustern zurück. Auch zehn Jahre nach der Wende hat man sich noch nicht frei genug gemacht, ist noch nicht zum eigentlichen Wesen von Theater zurückgekehrt: dass es eine Verabredung auf Zeit ist.

Haben Sie mit Ihren ambitionierten Kleist-Tagen und anderen Experimenten, die vom Feuilleton gerühmt, vom Zuschauer aber geschmäht wurden, die Theaterkrise nicht noch angeheizt?

Nein, ich habe die Fragestellung verschärft: Was für ein Theater in dieser Stadt?

Darauf haben die Frankfurter ja eine eindeutige Antwort gefunden: keines!

Das kann man so nicht sagen, sie haben eine strukturelle Aussage getroffen, aber sie haben auch gesagt, dass man noch ein paar Millionen für Theater ausgeben will. Es gab mal eine von der Stadt gewollte Kulturentwicklungsplanung, die an zwei Punkten eine eindeutige Profilierung vorsah: Kleist und Ost-West-Begegnung. Das habe ich als Auftrag verstanden. Wenn man sich "Kleist-Stadt" nennt, gehört es dazu, das Werk Kleists innovativ und gegenwärtig zu definieren. Unsere Kooperationen mit verschiedenen Theatern oder das Motto der nächsten Kleist- Tage - "Kleist und die Fremde" - hat mit dem europäischen Gedanken zu tun. Was ich in Ansätzen realisert habe, wird ja auch von der Europa-Universität Viadrina längst umgesetzt.

Welche deutsch-polnischen Projekte haben Sie initiiert?

Wir haben mit unserer polnischen Partnerstadt einiges zusammen gemacht, mit der Viadrina haben wir jedes Jahr ein großes internationales Universitäts-Theatertreffen veranstaltet, wir haben polnische Autoren zu einem Werkstatt-Treffen eingeladen. Im Grunde haben wir es in Frankfurt mit einer halben Stadt zu tun, direkt gegenüber liegt die andere Hälfte, Slubice. Meine Konzeption hatte vorgesehen, ein deutsch-polnisches Ensemble zu gründen, um beide Seiten bespielen zu können. Auch das stand einmal im Kulturentwicklungsprogramm. Und jetzt will niemand mehr etwas davon wissen.

Versteppt der Osten kulturell? Könnte der Theatertod nicht auch eine Chance sein, dass aus dem Staube Brandenburgs etwas Neues, Überraschendes entsteht, was die alten Strukturen nicht mehr nötig hat?

Es gibt, damals wie heute, keine Stunde Null. Es wäre schön gewesen, das Neue aus diesem Haus heraus zu entwickeln. So wie es im Moment aussieht, versucht man mit planwirtschaftlichen Methoden eine freie Szene zu organisieren. Und das scheint mir ein Paradox zu sein.
© 1999

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