Kultur : Frankfurter Architekturmuseum: Getreidesilos zu Studentenbuden

Christian Huther

Altbauten verströmen gegenüber Neubauten einen besonderen Charme. Sie haben nicht nur ein eigenes Gesicht und Geschichte, sondern sind auch flexibel in der Nutzung, verfügen über detaillierten Schmuck und sind meist zentral gelegen. Denn was einst in der Peripherie entstand, ist längst von den wachsenden Städten in die Mitte genommen worden, während viele Unternehmen ihre Produktion im Zuge der Globalisierung an günstigere Standorte verlagert haben. "Umbau statt Abriss" heißt denn auch seit einiger Zeit die Devise bei ausrangierten Gebäuden. So wird ein Getreidesilo zum Studentenwohnheim, ein Wasserturm zum Büro und ein Gaskessel zum Museum - alles Projekte aus einer Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main. Dort sind knapp 40 bundesdeutsche Beispiele zu sehen für "Neues Leben in alten Gebäuden", wie die Übersicht heißt. Initiiert hat den Wettbewerb die Deutsche Bauspar AG, die aus 130 Bewerbungen die prämierten Ideen auswählte.

Vorwiegend handelt es sich um Umwidmungen, die in den vergangenen fünf Jahren realisiert wurden, während einige Projekte noch in Planung sind. Ursprünglich kommt diese neue Art von Leben und Arbeiten aus New York - ein früher Vorreiter war Andy Warhol mit seiner "Factory" - und schwappte über London, Amsterdam und Paris auch nach Deutschland. Mittlerweile verwandeln sich allerorten alte Lagerhallen, Gießereien und Brauereien in Lofts mit Wohnungen und Ateliers. Diese reizvolle Bausubstanz findet sich nicht nur in aufgelassenen Industrie- oder Gewerbequartieren, sondern auch bei markanten Gebäuden und in ganzen Stadtteilen. So ist die Schau unterteilt in die Kapitel Einzelbauten, Städtebau und Lofts. Und das ressourcenschonende Umbauen ist in den Metropolen ebenso anzutreffen wie in der Provinz.

Beispielsweise im pfälzischen Landau, wo nicht nur die alte Schlachthofhalle zur Stadtbibliothek wurde, sondern auch das wehrhafte Bezirksgefängnis zum Ensemble von Wohnungen, Läden und Restaurants. Doch die hohen Fenster, die unveränderte Zellenstruktur und die rauen Sandsteinwände ergeben ein zuweilen bedrückendes Bild, das auch durch zusätzliche Fenster nicht gemildert wird. Da sind die Umwidmungen vom Stadtgefängnis zum Wilhelm-Wagenfeld-Haus in Bremen oder von der Waffen- und Munitionsfabrik zum Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) allemal überzeugendere Beispiele.

Zu den erwähnten städtebaulichen Planungen gehört in Berlin-Kreuzberg das Viktoria-Quartier mit der ehemaligen Schultheiß-Brauerei. Aus der großräumigen Anlage soll eine Stadt in der Stadt entstehen mit Wohnen und Arbeiten, Kultur und Freizeit, das zusätztlich der Berlinischen Galerie Platz bieten wird. Und in Hamburg werden 16 Betonröhren mit einem Durchmesser von je siebeneinhalb Metern, die einst als Getreidesilos dienten, zu einem Heim für 200 Studenten, nebst Läden, Cafés, Büros und Seminarräumen. Prinzipiell sind Umbauten eine Herausforderung für Architekten wie Bauherren. Meist ist das Raumangebot recht großzügig, so dass eine vielfältige und variable Nutzung von Kulturinstituten über Hotels und Wohnungen bis zu neuen Gründerzentren möglich ist.

Reizvoll sind Umbauten für Architekten auch, da das historische Ensemble mit Formen, Konstruktionsmethoden und Materialien von heute ergänzt werden muss. Nicht von ungefähr scheint die Baukunst momentan da besonders kreativ und innovativ, wo es um die Neuordnung eines bestehenden Gebäudes geht. Doch die Umwidmung zu neuen Zwecken erfordert zuweilen so radikale Eingriffe, dass nur die äußere Hülle erhalten bleibt. Da ist es bedauerlich, dass sich die Ausstellung etwas karg gibt mit Informationen zu Baujahr, allgemeinen Maßen und finanziellen Dimensionen. Zu gerne hätte man gewusst, warum die Denkmalpflege dieses oder jenes Objekt als erhaltungswürdig eingestuft hat. Doch die Schau enthält sich jeder kritischen Anmerkung, auch zu den Umbauten. Die Lofts schließlich, die in einer Leipziger Garnfabrik entstehen sollen, werden kaum mehr preisgünstig sein, ist doch von einem neuen Lichthof sowie von Penthouse-Wohnungen die Rede.

Die einstige Subkultur ist inzwischen etabliert und wird gut vermarktet. Allerdings grassiert das Loft-Fieber bisher stärker in Berlin und den ostdeutschen Städten, wurden hier doch viele alte Fabriken und auch Kasernen frei. Die Mieten und Kaufpreise sind in den letzten Jahren entsprechend gestiegen, zumal die größte Nachfragegruppe, die kreative Branche um Mode, Werbung, Design und Computertüftler, über die nötigen finanziellen Ressourcen verfügt.

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