Frankfurter Buchmesse : Bauern und Könige

Was das Frankfurter China-Desaster lehrt.

Gregor Dotzauer

Kaum ein Kommentar, der sich nicht der Schachmetapher enthalten und Peter Ripken, den geschassten Leiter des Internationalen Zentrums der Frankfurter Buchmesse, als Bauernopfer bezeichnet hätte. Das billige Kalkül, ihn für das Kommunikationsdesaster zwischen dem Ehrengast China und der westlichen Öffentlichkeit büßen zu lassen, hat zu Recht Kritiker gefunden und sollte nicht aufgehen, ohne dass noch ein Springer oder ein Turm fällt. Wer aber hat, um im Bild zu bleiben, die Partie gewonnen? Wackelt der Buchmessenkönig Juergen Boos, ein Mann von netter Unverbindlichkeit, nicht auch schon gefährlich?

Man soll es mit der Metaphorik nicht zu weit treiben, aber einiges spricht dafür, dass hier ein Spiel stattfand, dessen Regeln offenbar beiden Seiten nicht vertraut waren. Vor allem die unvorbereitete Arglosigkeit gehört bestraft, mit der die Messe glaubte, sich an interkulturellen Friktionen vorbeiwursteln zu können – indem man sich einmal den Interessen des offiziellen China beugt und ein andermal die Stimmen der Opposition einbezieht.

Diese Haltung hat durchaus Tradition. Ihre scheinbare Diplomatie hat sich nur noch nie so bitter gerächt. Mit der Türkei hatte man im letzten Jahr zwar ein autoritär geprägtes, doch mit dem heimischen Binnenpluralismus selber renommierendes Land eingeladen. Und als 2004 die arabische Welt einzog, da waren die teilnehmenden Parteien so zerstritten, dass sie genug miteinander zu tun hatten. Entscheidend ist, dass die Messe bisher immer mit mehr oder weniger unabhängigen Verleger- und Schriftstellerorganisationen kooperierte. Auch sie mögen politisch restriktiv oder gar korrupt vorgegangen sein. Die Verhandlungen direkt mit einem Ein-Parteien-Staat und seinen Zensurbehörden zu führen, das ist etwas grundsätzlich anderes.

Bei China explodierte der bequeme double bind, den Gästen einerseits zu gestatten, ihr Gesicht zu wahren, und ihnen andererseits hinter die Maske zu schauen. Interessant zu erfahren wäre dabei besonders, in welcher Weise das Auswärtige Amt, mit dem Peter Ripken offenbar in regem Austausch stand, seine Finger im Spiel hatte.

Die Gleichgültigkeit, mit der sich das Hin und Her etablieren konnte, ist aber auch ein Spiegel der publizistischen Verhältnisse hierzulande. Die westliche Narrenfreiheit koinzidiert mit der teuflischen Lust, wenigstens ein System wie China noch einmal auf Reaktionen zu testen. Zwar gibt es keinen Grund, China seine harte Zensurpolitik nachzusehen – doch nicht einmal zu verstehen, dass Empfindlichkeiten berührt werden, wenn die oppositionelle Aktivistin Dai Qing von Kamera zu Kamera zieht, zeugt von schierer Dummheit.

Nächstes Jahr also: Argentinien. Ein Land, das sich erst seit 1983 halbwegs stabiler demokratischer Verhältnisse rühmen kann. Die erste Reaktion kann nur lauten: Das lässt sich mit China nicht vergleichen. Die Unvergleichbarkeit ist schon der erste Schritt, dem Einzelfall gerecht zu werden. Gregor Dotzauer

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