Kultur : Frankfurter Buchmesse: Bitte blättern!

Christian Schröder

"Bei Oblonskijs ging alles drunter und drüber." - "Anna sah zum Fenster hinaus und erblickte vor der Tür einen Boten von Alexej Alexandrowitsch." - "Wenn Lewin darüber nachdachte, was er sei und wofür er lebe, fand er keine Antwort und geriet in Verzweiflung."

Belletristik ist schön, macht aber auch Arbeit. "Anna Karenina" zum Beispiel, der berühmte Roman von Tolstoi, hat in der deutschen Übersetzung stolze 1235 Seiten. Diese 1235 Seiten komplett zu lesen, dauert, selbst bei einer vergleichsweise flotten Lektüre von einer Seite pro Minute, mehr als 20 Stunden. Wer das Buch hingegen einfach an drei x-beliebigen Stellen aufschlägt - wie oben geschehen - benötigt dafür bloß zwei Minuten. Zeitersparnis: 19 Stunden, 58 Minuten. Mindestens! Und eigentlich reichen diese drei Sätze doch auch völlig aus, um zu wissen, worum es in "Anna Karenina" geht: um komplizierte Familienverhältnisse und unaussprechliche russische Namen, um Liebe, Schuld und finale Krisen.

Der leidenschaftliche Leser leidet permanent unter einem schlechten Gewissen: weil er gar nicht so viel lesen kann, wie er eigentlich möchte. Kaum hat er sich vorgenommen, jetzt endlich einmal "Anna Karenina", "Don Quichotte" oder wenigstens "Der alte Mann und das Meer" zu lesen, ist es schon wieder Herbst, und der neue Grass, der neue Updike, die neue Jelinek sind draußen. Bei der Frankfurter Buchmesse werden in der nächsten Woche 6791 Verlage aus 106 Ländern 377 428 Bücher präsentieren, das ist wieder einmal ein Rekord. Es gibt immer mehr Bücher, aber die Zeit, die dem Leser für diese Bücher bleibt, ist immer gleich, viel zu kurz nämlich. Da hilft nur noch eins: nicht lesen, sondern blättern.

Blättern liegt voll im Trend. Und ist auch gar nicht schlimm. Das sagen jedenfalls die Germanisten Jürgen Gunia und Iris Hermann. Sie haben zu einem Symposium an der Universität Münster geladen, das heute beginnt und den doppeldeutigen Titel "Literatur als Blätterwerk" trägt. Einerseits besteht Literatur aus lauter Blätterwerken, nämlich aus Büchern. Andererseits aber wird die Literatur - Achtung: These! - überhaupt erst durchs Blättern zum Werk. Gunia und Hermann nennen das Blättern lieber "nichtlineare Lektüre" und haben herausgefunden, dass sich "in der Wissenschaft eine positive Wertung dieser Art des Lesens aufgrund neuer philosophischer und texttheoretischer Ansätze durchgesetzt hat". Bei der Tagung soll es um den Hypertext im Internet, um Niklas Luhmanns Zettelkasten und um die Frage gehen, inwieweit sich Kafkas Texte durch ihre Kommentierung immer weiter verzweigen. Der Blätterer ist, wenn wir es richtig verstanden haben, in Wirklichkeit ein Autor: Aus zusammengeklaubten Textbrocken erschafft er sein eigenes Werk.

So, lieber Leser, jetzt können Sie weiterblättern!

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