Kultur : Frankfurter Buchmesse: Bucholympiade

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Noch nie, sagen die Leute, war die Buchmesse so voll. Die Leute meinen das wörtlich - das Gedränge und Geschiebe kommt ihnen jedes Jahr heftiger vor. Auch weil viele alte Hasen Jahr für Jahr betagter und schwerer werden. Und auch weil viele Jüngere dazukommen. Stichwort: Fräuleinwunder. Das zieht das Publikum an. Ein 35-jähriger Autor klagt leise, dass er sich uralt vorkommt, wenn man ihn neben die Fräuleins auf ein Podium setzt. Manchen älteren Wilden wird nachgesagt, sie schrieben ihre Wahnsinnswerke unter dem Einfluss von Kokain und Ecstasy. Um mithalten zu können? Das würden die so nicht sehen. Ein bisschen klingt der Vorwurf "Alles nur unter Koks entstanden" wie das beleidigte Diktum einer von gedopten Olympiarennern betrogenen Öffentlichkeit. Was so einer da macht, das ist ja keine "echte" Höchstleistung, es ist gar nicht voll authentisch. "Authentisch", "bewegend" - das sind immer noch die Worte die zählen. Erstaunlicherweise werden diese Begriffe aber - von den Lesenden im Publikum - weniger auf die Fräuleins angewendet, weniger auf die pfeiferauchenden fortgeschrittenen Semester und weniger auf die noch immer wilden unter all den Schriftstellern, als auf einen Autor, der im vergangenen Jahr gestorben ist und dessen Buch über Deutschland im Jahr 1939 geschrieben wurde: Sebastian Haffner. Sein im Nachlass aufgetauchtes Werk ist DAS BUCH DES JAHRES. Darin sind sich alle selten einig. Und dass sie sich einig sind, wenigstens das ist der Trost des Jahres.

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