Frankfurter Buchmesse : Bücher aus Deutschland

Alexander Osang, Moritz von Uslar und Burkhard Müller erkunden ein Land, das groß, vielgestaltig und im Umbruch ist – aber auch manchem Klischee entspricht: Deutschland.

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Als letztes Wochenende landauf, landab die Einheit Deutschlands gefeiert wurde, ließ sich auch der Berliner Radiosender Fritz zu diesem 20-jährigen Geburtstag etwas einfallen: „Alle feiern die deutsche Einheit – wir feiern die deutsche Vielfalt“ lautete der Slogan des Senders, der damit in seiner Eigenschaft als Jugendwelle vor allem Pop-Vielfalt meinte und den ganzen Jubiläumssonntag deutsche Popmusik unterschiedlichster Couleur spielte. Überraschend klang das meiste aber nicht. Nie hatte man das Gefühl, sich im Sender verirrt zu haben und aus Versehen beim Multikulti-Radio gelandet zu sein.

Die Vielfalt Deutschlands, sie wird dieser Tage von den Wohlmeinenden viel beschworen oder den weniger Wohlmeinenden alarmistisch problematisiert. Sie scheint es inzwischen gar in der deutschsprachigen Literatur zu geben, nimmt man die Listen für den Deutschen Buchpreis mit ihren Bronskys, Haratischwilis und Rabinovicis zum Trend-Maßstab.

Die Vielfalt Deutschlands ist aber nurmehr eine Schimäre, so sie zwar gern ein Thema, aber nichts von ihr zu sehen ist, zum Beispiel in brandenburgischen Kleinstädten, Berlin-Prenzlauer Berg oder Passau. Und was hilft die schöne neue Vielfalt, wenn man diese Orte nicht kennt und auch nicht die Menschen, die dort leben? Also erklärte der Journalist Moritz von Uslar seinen Freunden im beschaulichen Berlin-Mitte: „Ich haue ab von hier, dorthin, wo kaum ein Mensch je vor uns war – nach Hardrockhausen, Osten, nordöstliche Richtung, nicht zu weit weg, vielleicht eine Stunde von Berlin entfernt.“ Also stellte der Autor und Literaturkritiker Burkhard Müller eines Tages fest: „Deutschland scheint von der Autobahn aus ein kleines und langweiliges Land.“ Und machte sich auf eine Reise, die ihn nur über deutsche Bundesstraßen führte, eine Reise, die zeigen soll, dass Deutschland „anders ist, groß, vielgestaltig, im Umbruch, aber mit einer tiefen Geschichte, die sich nur dem Augenschein vor Ort erschließt“.

Und also dachte sich der „Spiegel“-Reporter und Kisch-Preisträger Alexander Osang, seinen Roman „Königstorkinder“ an einem Ort anzusiedeln, der zwar nicht besonders groß ist, aber aufgrund seines Laborcharakters (neue deutsche Bürgerlichkeit, Familienparadies, Gentrifizierungspark) stets republikweit für Aufsehen sorgt: Prenzlauer Berg. Und zwar nur der Teil südlich des S-Bahn-Rings, in dem etwa das Bötzowviertel liegt. Oder die Hufelandstraße, die für Osangs DDR-sozialisierten und noch nicht weggentrifizierten Romanhelden Andreas Hermann repräsentierend für das Viertel ist: „Sie war ein bisschen breiter, und es gab mehr Geschäfte, aber die verkauften alle das Gleiche. Italienische Lebensmittel, Milchkaffee und Babysachen.“

Moritz von Uslars Buch „Deutschboden“, Burkhard Müllers „B – Eine deutsche Reise“, Alexander Osangs „Königstorkinder“: Das ist nicht x-mal Deutschland, sondern dreimal Bundesrepublik ohne Migrationsproblematik und Globalisierungsvielfalt. Es ist ein Land, „wo Leute in strahlend weißen Trainingsanzügen an Tankstellen rumstehen und ab und an einen Spuckefaden zu Boden fallen lassen“, wie es von Uslar trocken registriert. Wo Bauern und Dörfer verschwinden und „in kleinstädtische Strukturen hineinwachsen“, wie Müller weiß; wo nicht nur haufenweise Denkmäler und Mahnmale herumstehen, sondern inzwischen auch zahllose Windkrafträder, was Müller die Frage stellen lässt: „Wie stellt sich heute, im Zeitalter der Gewerbeparks, aber auch des überall durchgesetzten Natur- und Umweltschutzes, die Ästhetik der Landschaft dar?“

Und ein Deutschland, so will es Osang, wo die vielleicht nicht bösen, aber reichen, erfolgreichen Westdeutschen in einen Bezirk im Osten Berlins einfallen und die vielleicht nicht guten, aber armen, erfolglosen Einheimischen verdrängen. Wo aber die einen, die Ostler, ein echtes Leben hatten und haben – und die Westler eben nicht. Nein, die neuen Prenzlauer Berger sitzen meist nur in irgendwelchen weiß gestrichenen Ladenbüros, „beschäftigt mit irgendeinem Projekt, das kein normaler Mensch verstand“. Und sind immer auf der Suche nach Authentizität, die sie beim Italiener in der Winsstraße zu entdecken glauben – oder wenn sie sich in einen sympathischen, leicht verlotterten und als Journalisten gescheiterten Ostmann verlieben, so wie Osangs in einer Townhouse-Siedlung mit Mann und Kind und schwarzem VW Touareg vor der Tür wohnende Westfrau Ulrike.

Alexander Osang versucht diese brutalen Klischees zwar mit zahllosen anderen Figuren und Ost-West-Geschichten zu brechen: mit gescheiterten, aus dem Westen stammenden und von Hartz IV lebenden Künstlern, die bei einer staatlich geförderten Projektagentur neue Perspektiven erhalten sollen und bis dahin Kulturprogramme in Altersheimen und Krankenhäusern aufführen. Oder mit der Geschichte eines 76 Jahre alten, homosexuellen, krebskranken ehemaligen Jura-Professors, der sich auf seine allerletzten Tage in einen jungen Krankenpfleger verliebt. Echte Kiezliteratur.

Die Binnenhandlung aber, die Liebesgeschichte zwischen Andreas und Ulrike, kennt kaum Brechungen. Da kommen Ost und West einfach nicht zusammen, glaubt man Osang – schon gar nicht in Prenzlauer Berg, einem Stadtteil, den Osang dermaßen realistisch schildert, dass sein Roman sich ideal als Reiseführer mit Ausgehtipps eignet. Der Reporter stellt sich hier dem Romancier Osang oft in die Quere. Das macht „Königstorkinder“ seltsam papieren.

Moritz von Uslar ist ehrlicher und lässt für seine „teilnehmende Beobachtung“ den Reporter in sich einfach von der Leine – wohl wissend, dass vor ihm Legionen von Zeitungs-, Magazin- und Fernsehreportern im Berliner Umland unterwegs waren, um „über des Prolls reine Seele, über Hartz IV, Nazirock, Deutschlands beste Biersorten und die Wurzel der Gegenwart“ alles in Erfahrung zu bringen.

Also entdeckt auch er in den drei Monaten, in denen er sich in einem kleinen Brandenburger Städtchen einquartiert, Ödnis und Hoffnungslosigkeit. Vor allem aber die Prolls und gar nicht so schlimmen Brandenburger Männer (Frauen kommen nur am Rande vor); die Prolls, die früher mal Nazis waren, die jungen Männer mit wenig Perspektive, die zu Wendezeiten geboren wurden, und die etwas älteren Männer mit noch weniger Perspektive, die ja auch erst in den frühen achtziger Jahren geboren wurden. Er hängt mit ihnen ab: an Tankstellen, in Kneipen, in Boxstudios und Proberäumen. Er freundet sich an, diskutiert und dreht stundenlang mit frisierten Ford-Focus-Modellen die immer gleichen Runden durch das Städtchen, das bei ihm wie der Landkreis nur „Oberhavel“ heißt.

Das Schrecklichste an „Deutschboden“ ist der Reporter selbst, „der Mann mit Hut“ mit seiner stets zur Schau gestellten Ich-bin-eine-coole-und-mutige-Sau-Haltung. Da helfen selbst Ironieanstrengungen wie „Superreporter“ nicht oder Sätze wie „Klar war ja auch, dass ich es hier einfach geil finden wollte.“ Das Schöne, das Lesenswerte an „Deutschboden“ aber ist, dass er den Jungs und Männern, die er mit der Zeit kennenlernt, wirklich nahekommt und das zu transportieren weiß. Die Raouls, Blackys oder Rampas werden einem in ihrer Offenheit und Widersprüchlichkeit ziemlich sympathisch.

Sie werden so sympathisch, dass auch Moritz von Uslar seine warnenden, distanzierenden Reflexionen vor die „Echtwelt“ schieben muss: „Ich hatte allerdings auch Jungs vor mir sitzen, die sich der Posen, Styles und Sprüche der Rechtsradikalen bedient hatten. Vom posenden Skinhead zum Rechtsradikalen, der Ausländer und Obdachlose jagte, waren es wohl noch ein paar Schritte, aber eben nicht viele Schritte.“

Burkhard Müllers Radius ist größer als der von Osang und von Uslar. Er durchquert das Land von Nord nach Süd und von Ost nach West: mit dem Auto auf der B 7 von Rochlitz in Sachsen bis Venlo in den Niederlanden, auf der B2 von Stettin bis nach Garmisch-Partenkirchen, auf der B 8 von Passau bis Emmerich. Die Menschen interessieren diesen Deutschlandreisenden wenig, dafür sind seine Bekanntschaften zu flüchtig, auf Begegnungen in Cafés und Hotels beschränkt. Müller beschreibt Landschaften, Denkmäler und Sehenswürdigkeiten, die Stätten und Städte, die zum Weltkulturerbe ernannt wurden. Er freut sich über sogenannte Selbstschnittbeete, und die Bronzestatuen auf Marktplätzen und in Fußgängerzonen sind ihm ein Grauen.

In Saarbrücken wundert er sich über den „Platz des unsichtbaren Mahnmals“ mit den Pflastersteinen, auf deren Unterseite die Namen von 2146 jüdischen Friedhöfen gemeißelt wurden: „Warum nicht wenigstens auf der Oberseite? Damit wir die Namen nicht mit Füßen treten?“; in Stralsund bewundert er die Farbgestaltung und Bauweise der Volkswerft, kritisiert aber, dass die Bürde eines Weltkulturerbes zu groß ist für eine ganze Stadt: „So etwas wie die Wahrung oder Wiederherstellung eines historischen Zustands kann es bei einem über lange Zeit lebendigen Wesen wie einer kompletten Stadt gar nicht geben.“

Idar-Oberstein hält er aufgrund der Nahe-Überbauung für „gut anästhesiert“. Da weiß er dann: „Wer den Fluss noch nicht gekannt hat, vermisst ihn nicht, und er nimmt die vierspurige Stadtautobahn, für die Idar-Oberstein alles geopfert hat, hin wie so viele andere normal-abscheuliche Lösungen auch, die es in unserem Land gibt.“

Burkhard Müller ist ein Skeptiker, kein Schönfärber, manchmal arg schlecht gelaunt. Bezeichnend dafür ist sein stetes Aufatmen, wenn er Stippvisiten in den Grenzstädtchen in Frankreich, den Niederlanden oder Dänemark macht: „Ja, eine gewisse Trägheit gegen Reformen, das dürfte am ehesten sein, was bei allen sonstigen Verschiedenheiten unsere Nachbarn uns voraushaben.“

Als er ein zweites Mal durch Berlin kommt und nach Unter den Linden beim ersten Besuch auch wieder nur den Kurfürstendamm streift („eine sehr angenehme Luxusmeile“), beschleicht einen das Gefühl, dass hier ein Reisender selbst auf den Bundesstraßen noch etwas zu flott unterwegs ist. Die Hotspots allein können es nicht sein.

Um ein Land wie Deutschland wirklich kennenzulernen, um es in seiner ganzen Vielfalt wahrnehmen und beschreiben zu können, braucht es eben doch Menschen. Selbst wenn diese, wie bei Osang, einen so ultimativ deutschen, einen so ultimativen DDR-Roman wie Uwe Tellkamps „Der Turm“ nur neben ihrem Bett liegen haben – um festzustellen, ob er für eine Verfilmung taugt.

Alexander Osang: Königstorkinder. Roman. S. Fischer, Frankfurt/Main 2010. 320 S., 19,95 €.

Moritz von Uslar: Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010. 380 S., 19,50 €.

Burkhard Müller: B – Eine deutsche Reise. Rowohlt Berlin 2010. 320 S., 19,95 €.

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