Frankfurter Buchmesse : Das Multifunktionsbuch

Keine Angst vor E-Books: Wie die Branche ins digitale Zeitalter steuert. Eine Bilanz der 69. Frankfurter Buchmesse

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Lesedämmerung. War es diesmal leerer in den
Lesedämmerung. War es diesmal leerer in denFoto: dpa

Eigentlich sieht es auf dieser 69. Frankfurter Buchmesse in den für die deutschen Verlage vorbehaltenen Hallen 3 und 4 aus wie immer. Die Stände sind mitunter riesig, wie die von Piper, dtv oder Suhrkamp, manche vermitteln Wellness- und LoungeAtmosphäre. Und natürlich liegen überall Bücher, mit dem Cover zum Messebesucher, zum Anfassen, Blättern, Klauen.

Seltsam, diese Normalität: Die Zukunft des gedruckten Buchs beschäftigt diese Messe so intensiv wie nie seit der Ankunft der E-Books und elektronischen Lesegeräte vor gut einem Jahrzehnt. Besonders anschaulich wird das auf dem AgoraMarktplatz mit dem futuristischen Audi-Pavillon und seiner Mischung aus Autos, alten Büchern und den Ständen von sogenannten Content-Anbietern. Hier laufen Veranstaltungen wie „open talk“ oder „story-drive“.

Aber auch bei einem klassisch analogen Verlag wie Kiepenheuer & Witsch hat die Zukunft spätestens in diesem Jahr richtig begonnen. Zusammen mit Rüdiger Salat, dem Chef der Holtzbrinck Buchverlage, und Frank Schirrmacher stellt KiWi-Verlagsleiter Helge Malchow ein elektronisches Sachbuch und eine Plattform vor, die KiWi unter Federführung des Physikers, Autors und Fernsehmoderators Ranga Yogeshwar entwickelt hat. „Rangas Welt“ heißt das Buch, „epedio“ die Plattform: 48 sogenannte Themenwelten in Text und Bild, mit laufenden Bildern und Klängen, und am Anfang jeweils eine Frage wie „Warum fällt der Apfel vom Baum?“ oder „Warum funkeln die Sterne?“, die Yogeshwar dann multimedial beantwortet. Das Instrumentarium wird auf der „epedio“-Plattform auch anderen Verlagen zur Verfügung gestellt, mit denen sie angeblich „kostengünstig“ Bücher multimedial erstellen und „dabei die volle Identität des Verlagsangebots wahren“ können.

Es geht, das wird deutlich, auch um die Unabhängigkeit von Branchenriesen wie Apple und Google, um eine Alternative zur Amazon- Welt, auf dass die vielen Verlage nicht „die Standards der Konzerne“ übernehmen müssen. Das Projekt von Kiepenheuer & Witsch und Yogeshwar weist zudem in viele andere Richtungen der neuen Bücherwelt, etwa der der veränderten Lese- und Schreibgewohnheiten. Und der des stationären Buchhandels, der sich noch mehr als die Verlage dem Druck der Digitalisierung ausgesetzt und viele Felle davonschwimmen sieht.

Wie wärs mit einer Version von Umberto Ecos Roman „Der Friedhof von Prag“, in der zusätzlich das Paris zu Anfang des 20. Jahrhunderts, in dem Ecos Held lebt, zu sehen ist oder das Italien des 19. Jahrhunderts, in dem Ecos Held aufwächst? Oder Reiseführer, anhand derer man wie bei Google-Maps seine Routen schon vorab abfahren kann? Letzteres wäre durchaus sinnvoll, während die Konkretisierung des Zeitkolorits von Ecos Roman im Bild eher zweifelhaft ist; schwächt es doch die Vorstellungskraft.

Wie viele unterschiedliche Lese- und Buchmodelle es schon gibt, zeigt etwa der Akep-Award, den der Börsenverein des Deutschen Buchhandels für die beste verlegerische Leistung auf dem Gebiet des elektronischen Publizierens verleiht. Für den am 18. November vergebenen Preis sind unter anderem ein „multimedialer Serienroman für digitale Endgeräte“ namens „Apokalypsis“ nominiert, ein Lehrer-Onlineportal zum Einsatz von digitalisierten und teilanimierten Büchern im Unterricht sowie Pixi-Apps, die die Pixi-Bücher für Smartphones und Tablet-PCs aufbereiten. Und Preise für E-Books gab’s schon jetzt in Frankfurt: Am Donnerstag war der mit 20 000 Euro dotierte erste „neuebuchpreis.de“ von der Self-Publishing-Plattform epubli vergeben worden.

Dass ein Buch sich auf Papier besser lesen lässt als am Bildschirm, damit hat jetzt außerdem eine Studie der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität aufgeräumt. Subjektiv gebe es zwar weiterhin Präferenzen für das gedruckte Buch, doch bei der Schnelligkeit und Güte der Informationsverarbeitung hätten E-Book-Leser leichte Vorteile, so das Ergebnis.

Kein Wunder, dass der stationäre Buchhandel sich in die Enge gedrängt fühlt. Ist der E-Book-Markt in Europa noch klein, so hat sein Umsatz in den USA um 160 Prozent zugelegt, während die gedruckten Bücher im Vorjahresvergleich um 16 Prozent zurückgingen. Wenn Plattformen wie „epedio“ Schule machen, OnlineShops noch mehr analoge Bücher verkaufen und Amazon und Google ihre eigenen Verlagsgeschäfte ausweiten, treiben sich in den Buchhandlungen womöglich bald nur noch Bibliophile herum. Was wiederum nicht nur die kleinen, unabhängigen, leidenschaftlich und überzeugt Literatur verkaufenden Buchhändler betrifft, sondern auch die großen Ketten. Für Aufsehen sorgte 2010 die Insolvenz der US- Buchhandelskette Borders, hierzulande müssen die Marktführer Thalia und Hugendubel Filialen schließen. Ob aber die Ausweitung der Non-Book-Bereiche die Lösung ist? Gerade kleinere Buchhändler setzen lieber auf individuelle, kompetente Beratung und auf liebevolle Ausstattungen, auch so kann der Buchkauf zum Erlebnis werden. Es gibt auch Modelle, die elektronischen Bücher physisch in den Handel einzuspeisen, in Form sogenannter E-Book-Cards, die als Gutscheine ausgegeben werden und Informationen zum Inhalt und Autor enthalten sollen. Mittels Code kann der Kunde sie herunterladen.

Am Ende des Tages – und am Anfang der neuen Buchwelt – ist es jedoch der „Content“, der über allem steht, und für den müssen Autoren, Verlage und eben auch kompetente Buchhändler sorgen. Die Buchmesse ist dann dazu da, diesen Inhalt zu vermitteln, beschwören und inszenieren. Weshalb der Frankfurter Branchentreff der digitalen Revolution entspannt entgegensehen kann. Dass sich aber – so nehmen es in diesem Jahr viele wahr – weniger Menschen als sonst in den Hallen herumtrieben, ja, dass es irgendwie gemütlich zuging, das sollte Buchmessendirektor Juergen Boos und seine Crew doch beunruhigen.

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